"Iste Hadmarus secundus dedit domui nostre zwetlensi mediam villam in Wolfkers et dimidiam domui sancte Crucis. Fuerunt enim quidam nobiles in districtu witrensi residentes et predicto domino Hadmaro adherentes et ei seruientes qui nostro monasterio benefecerunt et ob salutem animarum nobis diuersos redditus contulerunt. Sicut domini de Sazze. Quidam de Rosenowe. Quidam de Rvckkers, quidam de Gvetenberch dicti Tehler. Quidam nobiles dicti Mazzolter. Quidam dicti de Wasen. Quidam de Lvensnitz quidam sic, de quibus in diversis locis in districtu witrensi redditus nos habemus sicut in Waczmans, in Engelgozz, in Maysenpvhel, in Ratvarns, in Wernharts, in Wernhertleins, in Waltenstain, in Mystelbach iuxta Witra, in Ganays, in Winthag, in Sweikers, in Gemvnd et in diuersis locis vbi habemus redditus singillatim." (Zwettler Bärenhaut)


Das Rätsel um das Haus der Ritter von Luensnitz

Der angeführte Text ist der Beleg dafür, dass es im 13. Jahrhundert Herren gegeben hat, die sich ihrer Herkunft nach als jene von Luensnitz bezeichneten. Die Stelle stammt aus der Zwettler „Bärenhaut“, dem „Liber Fundatorum“ des Stiftes Zwettl. In diesem wird Hadmar II. von Kuenring als einer der Gründer des Klosters verehrt und als Wohltäter gewürdigt. Unter den Gefolgsleuten Hadmars aus dem Weitraer Gebiet, die dem Stift Abgaben von Bauern schenkten, scheinen die genannten Ritter von Luensnitz[1] auf. Die heutige Form dieses Ortsnamens ist Lainsitz, sie findet sich nur noch in der Bezeichnung von Oberlainsitz, da das ursprüngliche Lainsitz seit dem späten Mittelalter nach dem Patron seiner Kirche St. Martin genannt wird.

 

Der Ort bekam seinen Namen nach dem Fluss, an dem er gelegen ist. Lonžnica ist ein alttschechisches Wort und heißt soviel wie „Aubach“ oder „Hainbach“, Lužnice ist seine neutschechische Version.

 

Vor nunmehr vierzig Jahren, im Jahr 1962, publizierte Johann Waldherr, Landesoberförster, seine Annahme[2], dass der Sitz der Vornehmen von Luensnitz[3] auf dem so genannten Schlossberg von St. Martin bestanden haben könnte. In der Folge wurde diese Theorie immer wieder aufgegriffen und sie fand u. a. Eingang in das Standardwerk der lokalen Geschichte, Heimatkunde des Bezirkes Gmünd, das von Rupert Hauer begründet wurde und in der unter Walter Pongratz und Paula Tomaschek erweiterten dritten Auflage vorliegt[4].

 

Waldherr schreibt, dass er vom verstorbenen Forstverwalter von Weitra, Horejsi, den Hinweis bekommen habe, dass es in St. Martin einen Ried gebe, der von den Ansässigen der Schlossberg genannt wird. Nach einigen grundsätzlichen Ausführungen über die Bedeutung von Flurnamen als Geschichtsquelle beschreibt er grob Beschaffenheit und Lage des Ortes, ohne jedoch eine eindeutige Lokalisierung zu geben: „Wenn man nun diese vom Volk als ‚Schlossberg’ bezeichnete Höhe aufsucht, so betritt man, westlich gegen den Wachtberg zu, eine kleine Rückfallkuppe, die ein sogenanntes ‚Reidl’ trägt. Damit bezeichnet man einen felsigen, mit Birken, Heidekraut usw. bewachsenen Hügel, der aber in unserem Falle, im Gegensatz zu den sonstigen ‚Reideln’, ziemlich abgeflacht erscheint und keine groben Felsbrocken trägt.“[5] Zur Bekräftigung seiner These führt Waldherr noch an, dass auf einem Acker oberhalb des Schlossberges ein gotischer Schlüssel gefunden worden sei und dass sich weiter oben, „…gegen den eigentlichen Wachtberg (!) [Hervorhebung Waldherr] zu, eine Stelle findet, von der man die ehemaligen Signalburgen, wie Weißenalbern (‚Gmäu’), Johannesberg und Arbesbach gut sehen kann, wo man also Kreidefeuer (Warnfeuer) bei Gefahr entfachen konnte.“[6]

 

In einer Festschrift zur Markterhebung, herausgegeben von der Gemeinde St. Martin im Jahr 1986, wird angegeben, dass der Schlossberg auf dem Hauslus von Heinrich Haidvogl, Zeil 13, gelegen sei[7]. Ich selbst habe mich durch Emmerich Poiss, dem der angrenzende Lus Zeil 14 gehört, an den Ort führen lassen, der seiner Meinung nach von jeher als der Schlossberg gilt. Das Grundstück hat im Parzellenplan von 1823 die Nummer 2495. In diesem Reidl befinden sich aber mehrere größere Granitfindlinge, einer davon mit einem eingearbeiteten „Sitz“. Es kann also nicht gut das von Waldherr genannte Reidl sein!

 

Peter Neugschwandtner wiederum schreibt 1995 in einer Proseminararbeit über die Geschichte der Pfarre, dass der Schlossberg sich auf dem Hauslus von Zeil 14 befinde und die Grundstücknummer 2481 trage[8]. Er bezieht sich dabei auf eine unveröffentlichte Chronik St. Martins von Karl Höfer aus den fünfziger Jahren[9]. Dieser Ort ist ein Reidl, das sich beim heutigen Badeteich der Gemeinde befindet, viel weiter draußen, als das von Emmerich Poiss gezeigte! Es kann aber auch nicht das von Waldherr gemeinte Reidl sein, da es sich nicht auf einer der in Frage kommenden "Rückfallkuppen" von St. Martin Richtung Westen, dem Wachtberg zu, befindet.

 

Waldherrs vorgeschlagene Lösung des Rätsels um St. Martin stellt sich heute, vierzig Jahre später, selbst als ein Rätsel dar. Dabei hoffte er, dass sein Artikel der Anstoß zu weiteren Erhellungen der Frage sein werde: „Alle diese Bodenbeobachtungen zusammen mit dem Riednamen geben natürlich noch keinen Beweis dafür, dass auf dem Schlossberg bei St. Martin der ritterliche Sitz der Herren von Luesnitz gewesen sei. Um dies nachzuweisen, bedarf es noch intensiver Bodenforschungen, die vor allem in einer Probegrabung auf der Kuppe des ‚Schlossberges’ bestehen müssten. Mögen diese Zeilen zu weiteren Beobachtungen Anregung geben, sodass vielleicht doch eines Tages das ‚Rätsel um die Burg der Herren von Luesnitz’ gelöst werden könnte.“[10] Dass es weitere Nachforschungen gegeben hat, ist nicht auszuschließen, es wurde jedoch nichts über sie publiziert. Emmerich Poiss sprach von einem Doktor aus Wien, der in den 60er Jahren hier einmal mit dem Spaten ankam, konnte sich jedoch nicht mehr an den Namen desjenigen erinnern.

 

Das Rätsel harrt also immer noch seiner Lösung!

 


Katastralplan

Luftbild

Schlossberg

  


Onlinekarte mit Schlossberg

[1]   Fontes Rerum Austriacarum 2, 3, S. 95.

[2] Johann Waldherr: Ein ungelöstes Rätsel um St. Martin im Lainsitztal. In: Das Waldviertel (Krems an der Donau 1962)2, S. 43f.

[3]   Waldherr schreibt im Gegensatz zur Nennung in der Bärenhaut „Luesnitz“ statt „Luensnitz“!

[4]   Heimatkunde des Bezirkes Gmünd. Hrsg.: Rupert Hauer. Dritte Auflage neu bearbeitet und ergänzt von einer AG unter Walter Pongratz und Paula Tomaschek (Gmünd 1986).

[5]   Ungelöstes Rätsel, S. 43. Laut Gemeinde St. Martin befindet sich der Burgstall am Schloßberg, Zeil 13.

[6]   Ungelöstes Rätsel, S. 44.

[7]   Festschrift anlässlich der Markterhebung der Gemeinde St. Martin im Waldviertel (Waidhofen an der Thaya 1986) S. 14.

[8]   Peter Neugschwandter: Die Geschichte der Pfarre St. Martin im Waldviertel. Unveröffentlichtes Manuskript., eingereicht als Proseminararbeit bei Prof. Friedrich Schragl, Phil. Theol. Hochschule Diözese St. Pölten, 1995,  S. 4.

[9]   Karl Höfer, Chronik von St. Martin im Waldviertel. Unveröffentlichtes Manuskript, Archiv der Gemeinde St.Martin, 1951, S.13.

[10] Ungelöstes Rätsel, S. 44.