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Winterreise hinter das Ende der Welt
Fahrt zur Mündung der Lainsitz

Ein kleines Dorf im Waldviertel. Die Hügel kauern sich dicht aneinander, der Horizont ist nah und daher eng, Wien ist weit weg, irgendwo hinter dem großen Wald im Osten. Im Westen die tote Grenze, das Ende der Welt. Ein Bächlein findet einen Eingang in das Tal, durchläuft es fröhlich und entkommt auf geheimen Wegen. Es ist die Lainsitz. Sie sei ein ganz besonderer Fluss, sagt der Volksschullehrer in St. Martin, dem nächstgelegenen Flecken weiter unten an der Lainsitz. Der Bub ist weiter oben an der Lainsitz, in Steinbach geboren, in Oberlainsitz an der Lainsitz wächst er auf. Seine liebste Cousine wohnt in Weitra, der ersten, kleinen Stadt weiter unten am Bach, die Mutter fährt zur Arbeit den Bach noch weiter entlang, bis nach Gmünd, der etwas größeren der beiden kleinen Städte an der österreichischen Lainsitz. Der Großvater war Müller, seine Mühlen trieb die Lainsitz, wer sonst. Sie sei ein ganz besonderer Fluss, sagt der Lehrer, denn ihr Wasser fließe über Moldau und Elbe in die Nordsee. Abgesehen vom Rhein, der unser Land streift, ist sie in Österreich damit einzigartig. Sonst fließe alles Wasser in die Donau und mit ihr ins schwarze Meer, sagt der Lehrer und blickt dabei etwas verächtlich.

Die Lainsitz war immer schon Freiheit. Sie brachte Ferne in das kleine Dorf. Sie kam und ging, es konnte sie keiner aufhalten. Sie floss auch nach 1918 und 1945 weiter nach Böhmen, weil es sie dorthin zog. Ihr ist das Land ein einziges, Staatsgrenzen kennt sie nicht. Sie querte dreimal die Frontlinie des Kalten Krieges und wechselte doch nie das Lager, weil sie keinem angehörte. Der eiserne Vorhang existierte für sie nicht. Für den kleinen Buben in dem kleinen Dorf war das anders. Drüben, da saßen die Russen, die er sich den Panzerknackern ähnlich vorstellte. Die tschechischen „Düsenjäger“ schafften manchmal die Kurve nicht vor dem eisernen Vorhang, flogen darüber, schwenkten über dem Kopf des erschrockenen Buben in das Tal der Lainsitz und fanden entlang des Flusses wieder den Weg zurück. Drüben, da ist ein riesiges Gefängnis, dachte der Bub. Manchmal wurde Gmünd in der Nacht taghell, wenn die Wärter einen Ausbruch vermuteten und eine Leuchtrakete zündeten. Herüber kam man nicht, hinüber nur mit einem Visum aus Wien, wie sollte man das bekommen? Schwammerlsucher verirrten sich manchmal und schlupften, ohne es zu wollen, unter dem Saum des Vorhanges durch. Sie wurden aufgegriffen, verhört und erst nach Tagen wieder herübertransportiert. So gesehen mündete für den Buben die Lainsitz in Breitensee unter Gmünd, wo sie hinter dem eisernen Vorhang verschwand. Ungefähr dort, wo sie schon in grauer Vorzeit ins Meer mündete, als das Gmünder Becken noch überflutet war, dort durchstieß sie nun das Ende der Welt.

Das Meer hat sich zurückgezogen, auch der eiserne Vorhang ist gefallen! Der Junge von einst kann der Lainsitz in die Ferne folgen! Sein Lager (tschechisch „tábor“) soll Tábor, die Stadt an der nördlichsten Stelle der Lainsitz sein. Über das Internet reist er vor, findet ein Hotel direkt am Fluss, Lázně – ein ehemaliges Bad. Erfährt viel, bekommt einen Stadtplan, auf dem er sieht, dass sich bis ins Zentrum der Stadt ein mittelalterlicher Stausee erstreckt, den sie Jordán nennen. Was ist das für eine eigentümliche Stadt voller biblischer Namen und Fingerzeige? Allein der Name der Stadt selbst hat neben der tschechischen natürlich die biblische Bedeutung als Ort der Verklärung Jesu! „…[Jesus] führte sie [d. einzelne Jünger] auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Färber machen kann.“ (Mk 9) Auf diesem Berg erfahren einige ausgewählte Apostel erstmals von der tieferen Dimension der Dinge, die sie erleben. Wie kommt es, dass sich eine Stadt direkt in den biblischen Erlösungszusammenhang stellt? Die Entdeckungsreise entlang dieses Flusses bleibt weiter voller Überraschungen und unerwarteter Verkettungen.

Der Junge von einst kommt aus der Stadt hinter den Wäldern, aus Wien. Über Neunagelberg fährt er hinüber nach Jižní Čechy, nach Südböhmen. Zuerst vorbei an großen Sandgruben, die es auch auf österreichischer Seite in Breitensee gibt. Schon in Suchdol nad Lužnicí trifft er sie wieder, die alte Lainsitz! Die Straße führt über eine Pionierbrücke, wahrscheinlich ist die reguläre Brücke vom sommerlichen Hochwasser zerstört worden. In Majdalena überholt ein weißer Lada mit Blaulicht und einem blinkenden „Stopp“ auf dem Dach. Ein junger, freundlicher Polizist erklärt, dass man zu schnell gefahren sei und 1000 ČK zu zahlen hätte. Eigentlich, denn man tut ihm leid. Schließlich gibt er sich mit 200 ČK in Euro zufrieden, weil man nicht mehr Bargeld bei sich führt.

An Třeboň vorbei und zwischen den großen Teichen durchgeschlüpft erreicht man Veselí, wo die Lainsitz reichlich Verstärkung durch den Zufluss der Nežárka bekommt. Das erste Mal sieht der Junge von einst Schwäne auf der Lainsitz! Dieser Anblick verwandelt jäh seine Sicht von diesem Fluss. Ein Sgraffitohaus auf dem Stadtplatz erinnert dagegen an entsprechende Häuser in Gmünd und Weitra. Die Fahrbahn wird besser, man kommt auf die Verbindungsstraße Budweis-Tábor.

Knapp vor Tábor eine „Sídliště Nad Lužnicí“, eine Lainsitzsiedlung aus hoch aufragenden Paneláks ohne jede Romantik, Plattenbauten wie aus einem realsozialistischen Bilderbuch! Jirží Gruša schreibt über sie: „[Es sind] Mahnmale unserer Einsamkeit. Ihr zu entkommen, war Kunst und Glück zugleich. Drei Schlüssel zu besitzen, einen Wohnungs-, Auto- und Chalupa-Schlüssel, war letztendlich die Lösung, die klandestine Art, auf die sich die Panelákproletarier vereinigten. (Gebrauchsanweisung für Tschechien, S. 82). Für jene, die heute noch darin wohnen müssen, stellt sich immer noch dieselbe Aufgabe.

Das Hotel ist herrlich, neu und gediegen, ein Paradies. Das Bächlein, das er von Oberlainsitz kennt, braust hier vorbei, zu einem kräftigen Fluss angewachsen, stürzt sich über ein Wehr, die für eine aufgelassene Mühle gegenüber angelegt worden war. Der Fluss führt etwas Hochwasser, das Donnern wirkt nicht gerade lieblich. Die Stadt liegt gegenüber auf einem Bergplateau, wie auf einer Galerie zum Fluss hin. Ein paar Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolken und spiegeln sich in den Fenstern der Stockhäuser über der entfernten Lainsitzkurve und erhellen den Turm der Stadtkirche. Bei einem ersten Abendspaziergang präsentiert sich das Städtchen als pulsierendes wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Schön, dass man das Lager hier aufgeschlagen hat, man kann zufrieden die erste Nacht neben unaufhörlich strömendem Wasser durchschlafen.

Bei leichtem Nieseln folgt der Lainsitzforscher am nächsten Tag seinem Erkundungsobjekt. Der Fluss gräbt sich ab Tábor in eine mehr oder minder tiefe Schlucht, Wald säumt die Hänge an beiden Seiten, stillgelegte Großmühlen finden sich in kurzen Abständen. Der Fluss wird nicht mehr wegen seiner Kraft gebraucht, er dient heute den Böhmen in erster Linie als Freizeitattraktion. Unzählige Campingplätze, Wassersportzentren und Bootsverleihe zieren seine Ufer und holen im Sommer die Menschen in Scharen hierher.

Sogar jetzt im Winter und bei leichtem Hochwasser können wir einen einsamen Kanufahrer auf der Lainsitz beobachten. Von hoch oben, von der 50 Meter hohen Stahlbetonbrücke, dem sog. „Regenbogen“ aus dem Jahr 1928 bei Bechyně. Hier bildet die Lainsitz ein breites und tiefes Tal, beinahe einen Canyon. Eine weitere, äußerst sehenswerte Brücke führt einen unbedeutenden Weg zwischen Tábor und Bechyně über die Lainsitz. Wie kommt diese monumentale Kettenbrücke aus dem Revolutionsjahr 1848 an diese abgelegene Stelle bei Stadlec? Das Rätsel ist leicht gelöst: Die Brücke streckte sich einst an wichtiger Stelle über die Moldau im Podolsko-Gebiet und musste im Zuge der Errichtung eines Staubeckens abgetragen werden. Seit Anfang der 1970er steht sie hier als technisches Denkmal.

Der zweite Tag endet bei Dämmerung in Týn, der Stadt in der Nähe der Lainsitzmündung. In einem Cafe dolmetscht ein junger Tscheche bei der Bestellung. Es stellt sich heraus, dass man auf dem Gymnasium „Lausnitz“ als deutschen Namen für die Lužnice lehrt. Er freut sich darauf, seine Lehrerin verbessern zu können.

Der dritte Expeditionstag ist ein Sonntag. Am Vormittag zieht man durch die Stadt, fürchtet sich vor dem Heerführer mit der Augenklappe auf dem Podest des Stadtplatzes, geht in ein Cafe und danach im Billa einkaufen. Dieses Geschäft gibt es wie es scheint überall und sogar hier, es hat als einziges am Sonntag offen. Ansonst bemerkt man positiv, dass hier noch eine größere Vielfalt an Geschäften zu bestehen scheint und nicht jeder zweite Laden einer Handelskette angehört. Hinunter zum Bach zu der künstlichen Insel, wo eine Mühle langsam zusammenfällt. Das Hochwasser hat die Buden zerstört, die für die Badeurlauber errichtet worden waren.

Am Nachmittag ein zweiter Versuch, die Mündung der Lainsitz zu erreichen. Ich fahre auf jene Seite der Moldau, die der Mündung gegenüberliegt. Bei Neznašov kann ich endlich den Zusammenfluss von Moldau und Lainsitz in seiner vollen Pracht beobachten. Ein beeindruckendes Schauspiel, das sich in vollkommener Ruhe vollzieht. Die Moldau fließt äußerst bedächtig, und genauso langsam nähert sich ihr mein Fluss. In der inneren Ecke, wo an beiden Seiten das Wasser zufließt, steht eine kleine Bildsäule, gelb verputzt mit einem Kreuz auf dem Dächlein. Weshalb sie errichtet wurde? Der Schnee hindert mich daran hinunter zur Moldau zu gelangen, so kehre ich um und versuche mit dem Auto zu dem Denkmal auf der Halbinsel zu kommen.

Ich probiere es über Koloděje, dem letzten Dorf an der Lainsitz mit der letzten Brücke über den Fluss. Es wird schon wieder dunkel, es führt kein Weg direkt von dort die Lainsitz entlang. Man sieht an den Häusern nahe dem Fluss, wie weit das Wasser im Sommer gestiegen war. Der Verputz ist heruntergeklopft, die Chalupas, die Hütten schauen traurig und mitgenommen aus. Ich versuche über Týn an die Mündung heran zu kommen, doch es wird finster und ich komme nur noch bis zur Aussichtswarte auf dem Semenec. Ich werde im Sommer wieder kommen müssen, um die Mündung zu besuchen.

Der vierte Tag, der Abreisetag, bringt strahlende Sonne und klirrende Kälte. Der Abschied vom Hotel an der Lainsitz fällt schwer, man hat sich schon an die vorzügliche Bewirtung und die schöne Behausung gewöhnt.

Es ist Montag und das Museum am Platz hat geöffnet. Hier will der Lainsitzforscher noch erfahren, was es mit den biblischen Bezügen dieser Stadt auf sich hat. Es wird eine Konfrontation mit geschichtlichen Wertungen, die hier ganz anders als in der österreichischen Historiographie getroffen werden. Das Museum dokumentiert die Geschichte der Hussitenbewegung, die ganz eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft ist. Man ist ganz selbstverständlich stolz auf die siegreichen Züge des Jan Žižka von Trocnov, des unbesiegten Hussitenführers. Das martialische Standbild draußen auf dem Platz soll ihn darstellen und ehren. Diese in der Geschichte rare Epoche der erfolgreichen tschechischen Selbstbehauptung dient in neuerer Zeit als nationaler Kristallisationskern. Der erste Präsident der Tschechoslowakei, Masaryk, soll es auf den Punkt gebracht haben: „Tábor ist unser Programm.“

So ist der als Ketzer in Konstanz verbrannte Hus in Böhmen eine Art Nationalheiliger geworden, der es nur noch nicht zur Seligsprechung gebracht hat. Auf der anderen Seite der Wasserscheide und auch im oberen Lainsitztal sieht man ihn allerdings immer noch anders:

>Es ist kalt, wie jeden Samstag werden auf dem Hof in dem kleinen Dorf an der Lainsitz die Schweineställe ausgemistet. Diese Arbeit haben die Buben zu erledigen. Sie öffnen die Kobel und rufen laut : „Huss, aussi! Huss, huss!“, so wie sie es von den Großen vorgemacht bekommen hatten. Schweine schreckt und treibt man in dieser Gegend mit dem Namen des tschechischen Reformators!

> Donnerstag, 28. Feber 2002, österreichischer Nationalrat. Der Abgeordnete Lackner ruft aus: „Herr Kollege Böhacker! Es hat das nichts mit Aufhussen zu tun,...“ Dies nur als Beleg dafür, dass der Ausdruck auch bei der Elite unseres Landes in Gebrauch ist. Ein Aufhetzer ist er also immer noch für uns moderne Österreicher, der Jan Hus!

Nach dem Museum soll’s nach Hause gehen. Statt die Lainsitz hinunter zu lenken, steuere ich doch noch einmal Týn an, nun schon das dritte Mal. Ich fahre mit dem Auto den Semenec hinauf, bleib nicht stehen, fahre ganz hinunter bis knapp vor die Mündung. Geschafft! In praller Sonne liegen die Wasser vor mir. Ich versuche das Gewicht des Ortes zu erspüren, seine Bedeutung für die Völker, die hier wohnten oder vorbeizogen. Hier konnte man ohne Fähre nicht weiter, hier war ein äußerst markanter Punkt, ideal für einen Treffpunkt entfernter Boten, hier vereinigten sich die Kräfte der beiden bedeutenden Flüsse. „Vltava“ und „Lužnice“ gehen auf keltische Bezeichnungen zurück. In Tábor wurden keltische Ausgrabungen gemacht, ich sinniere über die Wirkung dieser Flüsse auf vorgeschichtliche Völker. Muss ihr Forschergeist sie nicht unweigerlich zur Quelle der Flüsse hinauf getrieben haben? War den Naturvölkern nicht die Quelle heilig? War der Wald den Kelten nicht heilig? Warum hat man bei uns dann noch nie etwas von ihnen gefunden? Ungeklärte Schalen in Steinen und ein merkwürdiger Wall auf dem Johannesberg, das ist die unbefriedigende Bilanz der (unterlassenen) archäologischen Forschung an der österreichischen Lainsitz.

Vorbei an Temelin, Budweis und Třeboň geht’s wieder nach Wien. Vorher macht der Entdeckungsreisende noch einen kurzen Abstecher nach Oberlainsitz, seiner alten Heimat. Das Dörfchen kommt ihm heute irgendwie offener und viel weitläufiger vor! Es ist gar nicht mehr abgetrennt von der Ferne!


Nützliche Links:

Interaktive Online-Landkarte der Region

Veseli: http://www.veseli.cz

Třeboň: http://www.trebon-mesto.cz

Bechyně: http://www.mestobechyne.cz

Tábor: http://www.tabor.cz
  Hussitenmuseum: http://www.husitskemuzeum.cz

  Hotel Lázně: http://www.pragueholiday.cz/TABOR/lazne.php

Týn: http://www.tynnadvltavou.cz
 

Weitra: www.weitra.at (ohne jeglichen Hinweis auf den Fluss)

Gmünd: www.gmuend.at

 

Auflösung hoch gering

Veselí Lainsitz in Veselí

Schwäne auf der Lainsitz Abend in Tábor

Abend in Tábor Morgen in Tábor

Morgen in Tábor Vor dem Lázně

Moderne Brücke bei Tábor

Wehr Uferwald

Kloster über der Lainsitz Geruch nach Holz

Wald Canyon
Ehemalige Mühle Sandstrand

Uferwand Villa

Steg Baum

Trabantenfischer Wie am Meer

Lázně Bei Stadlec

Blick vom Regenbogen... ...bei Bechyně

Ergebnis des ersten Versuches: Eine Karte des Mündungsgebietes auf einer Tafel in Týn.

   

Lázně bei schönerem Wetter Frühstück am Strom
Das Hotel: Neu und gediegen!

Vor dem Hotel 24 Stunden-Uhr auf dem Rathaus

Dekanatskirche
mit Ritter Koudelka
Pumpturm

Wehr Stellrad

Ehemaliges Wasserrad Verfallende Mühle

Ungenutzte Energie Auf dem Weg nach Týn

Letzte Brücke Hochwasserschäden

Bank für Wasserwesen? Ergebnis des zweiten Anlaufes: Blick auf die Mündung

Žižka von Trocnov Hussitenfahnen

Bauernwaffen Kanone

Kühltürme von "Temelin"

An der Mündung Leere Nischen

Die Lainsitz und

ihr Erkunder

sind am

Ziel angelangt!

Ergebnis des dritten Anlaufs: Die Mündung ist erreicht.