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Schloss und Hund
Wallfahrt zu Kafkas Arbeitsstätte in Planá an der Lainsitz

Ich habe schon vor einiger Zeit erfahren, dass Franz Kafka im Sommer 1922 an der Lainsitz gewohnt und gearbeitet hat. Seine Schwester Ottla hatte in Planá nad Lužnicí für sich und ihre Familie zwei Zimmer gemietet und ihren Bruder mit eingeladen.

Heuer, im Sommer 2005, wollte ich endlich eine Wallfahrt dorthin machen, wo der Dichter an den letzten Kapiteln seines unvollendet gebliebenen Werkes „Das Schloß” gearbeitet hat. Allerdings wusste ich bis zur Abfahrt nicht, wo genau sich diese Ferienwohnung befunden hatte.

Man erfährt nämlich nur einige spärliche Details aus einer Tagebuchnotiz und aus Briefen Kafkas über diesen Sommeraufenthalt. Leider gibt der Schriftsteller auf seiner Korrespondenz als Absender jeweils nur an, dass er im Hause einer Frau Hniličkova wohnt. Einer der wichtigsten Hinweise über den Aufenthaltsort: In Briefen erwähnt er mehrmals, dass ein Sägewerk direkt und ein Bahnhof unmittelbar in der Nähe sei.

In Wagenbachs Bilder aus Kafkas Leben finden sich einige Fotos aus Planá, wie es Anfang der 80er Jahre des 20. Jh. ausgesehen hat. Ich hatte mir ein Bild besonders eingeprägt, auf dem man, hinter Obstbäumen versteckt, ein Walmdach mit Kamin, darunter einen Giebel mit zwei Fenstern sieht: „Die im Obergeschoß erkennbaren zwei Fenster gehörten zu Kafkas Zimmer”.

In Hackermüllers „Das Leben, das mich stört” aus 1984 sind zwei Seiten Text über die „Sommerfrische” und einige schöne historische Ansichten von Planá zu finden. Der Text verrät jedoch nichts über den genauen Ort des Hauses, die Bilder stehen nicht in direktem Zusammenhang mit Kafkas Aufenthalt. Interessant sind allerdings die beiden Fotos von der alten Holzbrücke über die Lainsitz. Über diese Brücke spazierte Kafka wohl täglich.

Das Bild mit den zwei Fenstern vor Augen und das Wissen im Kopf, dass sich eine Säge in der Nähe des Hauses befunden hat, fuhr ich los.

Die Stadt Planá wirkt wie ein größeres Straßendorf, liegt südlich von Tábor und hat knapp dreitausend Einwohner. Die Bundesstraße 3 führt eine Unzahl von Lastwagen und Autos durch den lang gezogenen Ort und zerteilt ihn tief der Länge nach. Ein einziger Übergang mit Fußgängerampel verbindet die beiden hermetisch getrennten Seiten. Dagegen ist die Lainsitz, die an der linken Seite die Straße etwas abgerückt dahinfließt, fast ein verbindendes Element. Links von ihr ein wenig erhöht vor einem Wald das Villenviertel, rechts der unruhige Stadtteil mit Gewerbe und Straße. Die Bahnlinie Veseli-Tabor schneidet dort noch eine weitere Furche der Länge nach ein.

Ich fuhr zuerst zum Bahnhof. Das erste Foto, das ich machen konnte, war von einem Plakat mit verfremdeten Stifterporträts, Kafkaplakate sah ich keine. Merkwürdig, hier Fotos vom Böhmerwäldler aus dem anderen Plána vorzufinden - ich hatte ein paar Tage zuvor Wittinghausen und den Plöckensteinsee besucht. Vor dem Bahnhof eine Überblickskarte, in der ich vergeblich nach einer „Tvrz Sedlec” (Festung Sedlec) suchte, die Kafka in seiner Tagebuchnotiz aus Planá erwähnt:
Gestern Abendspaziergang mit dem Hund. Tvrz Sedlec. Die Kirschallee beim Waldausgang, die fast die Heimlichkeit eines Zimmers erzeugt.(27. Juli 1922) Wer weiß, vielleicht ist die Festung auch nur im übertragenen Sinn gemeint - in Sedlec nahe Prag zum Beispiel gibt es ein großes, schauriges Beinhaus…

Ich stellte mein Auto beim Rathaus ab. Im Erdgeschoss des schlichten, neuen Hauses ist ein Friseurladen und eine Bankfiliale untergebracht. Unweit des Rathauses steht die Kirche, sie ist dem Heiligen Wenzel geweiht, an der Rückseite wird sie bedrängt von der Straße. Die Frontseite prangte auf alten Fotos des Studios Šechtl & Voseček aus den 20er Jahren noch frei zum Fluss hin, heute zwängt sich auch da ein hässlicher Plattenbau dazwischen! Neben der Kirche ein Kriegerdenkmal, Inschrift 1914/1919. Auf einem der Šechtlfotos aus Kafkas Zeit sieht man das Denkmal mit einer Schülergruppe davor.
Es sind seit paar Tagen etwa 200 Prager Schulkinder hier untergebracht. Ein höllenmäßiger Lärm, eine Geißel der Menschheit. Ich begreife nicht, wie es kommt, dass die Leute in dem davon betroffenen Ortsteil - und es ist der größte und vornehmste Teil des Ortes - nicht irrsinnig geworden aus ihren Häusern in die Wälder flüchten, und zwar müssten sie recht weit flüchten, denn der ganze Rand dieser schönen Wälder ist verseucht. …(Kafka an Max Brod, 12. Juli 1922)

Ich begab mich auf die Suche nach einem Stadtplan, den ich schließlich an der Bushaltestelle auf der Durchzugsstraße fand. Da ich den tschechischen Ausdruck für Sägewerk nicht kannte, half er mir nicht weiter. Auch war ich mir nicht sicher, auf welcher Seite des Flusses Kafka seine Waldspaziergänge machte, ich hätte gerne die Kirschenallee fotografiert. Im nachhinein, da ich die Briefe noch einmal gelesen habe, bin ich allerdings sicher, dass er auf der linken Lainsitzseite im Wald oberhalb des Villenviertels spazieren ging:
Ein Gang durch den (übrigens sehr mannigfaltigen) Wald am Abend, wenn der Lärm der Vögel sich dämpft … und es nur noch hie und da ängstlich zwitschert (man könnte glauben, es sei Angst vor mir, aber es ist Angst vor dem Abend) und das Sitzen auf einer bestimmten Bank am Waldrand vor einer großen Aussicht (hier herrschen aber schon meistens die entsetzlichen Stimmen der Prager Kinder), das ist sehr schön, aber nur wenn eine ruhige Nacht und ein ruhiger Tag vorherging. (Kafka an Max Brod, 12. Juli 1922)

Ich ging in die „Galerie u Rudolfa - Rudolf Hrušínský” an der Hauptstraße „Čs. armády”, konnte mich aber nicht mit der eleganten Geschäftsführerin verständigen, ein jüngerer Herr, der auch mit dem Laden zu tun zu haben schien, vielleicht sogar ihr Sohn war, konnte ein wenig Englisch. Dass Kafka einmal länger in Planá gewesen sein sollte, bezweifelten sie beide. Aber sie brachten mich zu anderen Leuten aus dem Haus, gleich am nächsten Tor, über dem Bild angebracht ist, das einen Amboss zeigt und Schmiedewerkzeuge. Diese Leute wussten, dass Kafka hier war, wir verständigten uns darüber in einzelnen Worten und mit Zeichen. Schließlich zauberte die Hausfrau ein Buch über Planá hervor, darin ein Kapitel über Kafkas Aufenthalt. Endlich ein greifbares Ergebnis! Ich erfuhr, dass Frau Hniličkova schon gestorben sei, das Gegenteil hätte mich gewundert, und dass das Haus nicht weit von hier in der „Přičná ulice” stünde. Der ältere Herr konnte einige Worte Deutsch. Er glaubte vielleicht, dass ich allgemein an touristischen Objekten interessiert sei und empfahl mir lieber die Masarykvilla drüben im Villenviertel anzusehen, oder auch die Villa von Edvard Beneš, die unweit in Sezimovo Ústí stünde. Die Leute redeten viel, diskutierten untereinander, es waren inzwischen ein halbes Dutzend geworden, und sie zeigten mir noch, wie hoch das Wasser im Überschwemmungsjahr 2002 gestanden sei. Schließlich erklärte sich ein Mann mittleren Alters aus eigenem Antrieb bereit, mich zum „Kafkahaus” zu begleiten. Sein etwa fünfjähriger Sohn kam mit.

Wir gingen nicht direkt über die Straße, sondern mussten weit bis zum einzigen Fußgängerübergang gehen. Der Mann entschuldigte sich für den Umweg mit einem Blick auf seinen Sohn, der wahrscheinlich eingeschärft bekommen hatte, nur dort die gefährliche Straße zu überqueren. Von Österreich bewundere er die Berge, er sei zweimal dort gewesen. In der Gasse lautes Hundegebell, in jedem Garten ein pflichtbewusster Köter, wir mussten wieder ganz zurück bis zur Nummer 136, dort meinte der junge Mann, er habe jetzt seine Aufgabe erfüllt und verabschiedete sich. Da ich im Text des Stadtbuches von der Nummer 145 gelesen hatte, ging ich aber zu diesem Haus und läutete. Niemand antwortete. Das Haus schien überdies zu neu zu sein, vielleicht war eines der älteren Bauten und Baracken hinten im Garten das Haus, in dem Kafka damals gewohnt hatte. Die Gegend schien nicht gerade die beste gewesen zu sein und war es immer noch nicht. Da sich niemand rührte, ging ich die „Quergasse” zu Ende und stieß dort auf ein Sägewerk und fand auch die von Kafka erwähnte Verladestelle weiter oben an den Bahngleisen und sah den Bahnhof ganz in der Nähe. Ich war zumindest in der richtigen Gegend.

Ich überquerte die stark befahrene Hauptstraße diesmal nicht am Fußgängerübergang, sondern in der Nähe des Kafkahauses bei der Lainsitzbrücke, die leider nicht mehr die historische von damals war. Von ihr sieht man auf ein Wehr und daneben auf das alte große Gebäude einer ehemaligen Mühle. Fischer standen aufgereiht an beiden Seiten des Flusses.

Ich ging zurück zum Auto, neben dem Rathaus im Restaurant Maxim aß ich Wiener Schnitzel mit Hranolky. Vom Gastgarten sieht man auf ein Schild, das zur Firma ELK weist. Auf der Autofahrt durch die Außengebiete rechts des Flusses sah ich später noch weitere große Betriebsgebäude, die deutsche Namen trugen, HOCHTIEF z.B.

Ich fuhr auch eine weite Runde an der linken Flussseite, sah dabei Alleen mit Obstbäumen, die der Kirschenallee in Kafkas Tagebuchnotiz ähnlich sein könnten, weiter draußen, wenn man wieder aus dem Wald rauskommt. Alte Speicher, alte riesige Landwirtschaftsbetriebe, weite Felder. Ein Mähdrescher der Marke „Fortschritt”. Bei der Rückfahrt kam ich auch an der ehemaligen Masarykvilla vorbei.

Bevor ich die Stadt verließ, wollte ich zum Abschied noch einmal durch die Přičná fahren. Ich blieb stehen und läutete noch einmal bei 145. Nichts. Daneben vor dem Haus 136 erschien eine Frau, sie kam näher, als ich mich ihr zuwandte. Ich stammelte irgendwas von bydlite Kafka, sie zeigte quer über die Straße, da stand ein goldenes Haus mit Walmdach und zwei Fenstern oben im Giebel! Ich hatte es bisher nicht bemerkt gehabt! Hier hat Kafka gewohnt, meinte sie, das Haus gehöre jetzt einer älteren Dame, die in Tábor wohne und nur manchmal hier sei. Ich könnte aber am Tor läuten, vielleicht hätte ich Glück und sie ist hier. Ich war auch so schon glücklich!

Ich verabschiedete mich, ging zum Haus, fotografierte. Die Straße war laut geworden, aus jedem Garten der Gasse bellte ein Hund. Auch im Garten des Hauses Přičná ulice 136 lief ein Terrier den Zaun entlang und bellte mich fragend an. Jetzt hatte ich das Haus doch noch gefunden, vielleicht konnte ich sogar die beiden Zimmer im Dachgeschoß betreten, in denen der Meister damals gearbeitet hatte! Ich läutete am Tor, eine zarte alte Frau kam aus dem Haus. Sie war abweisend, kam nicht einmal zum Tor, verdeutlichte mir, dass sie kein Deutsch, kein Englisch verstehe. Von Kafka und diesem Haus wisse sie nichts, soweit konnte ich mich mit ihr verständigen. Ich bat erst gar nicht darum, ins Haus kommen zu dürfen. Wäre ich energischer gewesen, vielleicht hätte ich von den beiden Fenstern vorne die schöne Aussicht gesehen, von denen Kafka schrieb. Ein letztes Foto von der Gasse beim Wegfahren.

Später erfuhr ich, dass Kafka im Sommer 1922 in Planá neben den Kapiteln zum „Schloss” die Fabel „Forschungen eines Hundes” geschrieben haben soll. Es wäre also möglich, dass der kleine Köter ein Nachkomme und Artgenosse dieses grüblerischen „Helden” gewesen ist!


Primärquellen:

Der zitierte Brief an Max Brod vom 12. Juli 1922

Die zitierte Tagebucheintragung vom 27. Juli 1922

Angesprochene Werke Kafkas:

Das Schloss
Forschungen eines Hundes

Angesprochene Sekundärliteratur:

 

Klaus Wagenbach: Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben.

 

Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört. Eine Dokumentation zu Kafkas letzten Jahren 1917 - 1924.

 

Alte Planábilder von Šechtl & Voseček:

Die Schülergruppe vor dem Kriegerdenkmal

Villa Masaryk
Die Wenzelskirche

Übersicht Kategorie Planá

 

Diverses im Internet:

 

Der Internetauftritt des heutigen Planá: Město Planá nad Lužnicí

Planá auf jiznicechy.org

 

Stadtplan von Tábor, Sezimovo Ústí und Planá nad Lužnicí

 

ELK in Planá

HOCHTIEF in Planá

Kafka 1920

aus Wagenbach

forschend

Fenster zu Kafka, damals...

aus Hackermüller

Kirche, damals

Wehr

Kirche heute

       

Der aus Oberplaná...

...hängt im Bahnhof

Rathaus

Architektur

Flussbank

Hafen

Am Fluss

Heimlichtuer

Such den Fischer!

Blick zur Brücke

Wenzel

Plan von Planá

Erstes
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Přičná 145?

Da soll Kafka...?

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