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Bilder Oberlauf Lužnice II

Auflösung

mittel gering


Ehemaliger Unterstand


Begrüßung



Brücke aus Stein



Vorher


Nachher



Wirklich leer?


Gemalt?


Jemals wieder offen?


Sterbende Allee


Voll Geschichte



Far West?
(Blick nach Osten)



Bizarr


Geländerpfeiler
bei Christinaberg

Paradies obere Lainsitz - einst Schauplatz der Hölle (2002)
Zweiter Teil

Das zweite Mal ist einem die Fahrt schon gewohnter, die Umgebung wirkt vertrauter, die Häuser scheinen über Nacht weniger baufällig, die Straßen fahrbarer geworden zu sein. Buchers erwartet einem in der Früh um acht Uhr vollkommen vollkommen leer, selbst das Fenster der Polizeidienststelle ist verwaist.

NEU: Alte Ansichten von Silberberg!

Blick in das Lainsitztal hinauf nach Süden Blick nach Westen

(Sammlung Dr. Katzenschlager)

Das letzte Mal kehrte ich beim Kapelunk um, heute gehe ich eine Abkürzung zu der Brücke knapp unterhalb des Teiches. Vorbei an einem verlassenen Unterstand der Grenzwachen. Man erschrickt im ersten Moment, fühlt sich zurückversetzt in die Zeit, als hier einst ein Schauplatz der Hölle war.

Auf der Lichtung des ehemaligen Dorfes Janovy Hutě (Johannesthal) kreuzt ein Waldarbeiter meinen Weg. 1970 wären hier die Bulldozer aufgefahren und hätten die Häuser geschliffen. Einen Teil der Rodung hätte man mit Bäumen bepflanzt. Vor der Samtenen Revolution hätten hier die Kommunisten mit Maschinengewehren alles niedermachen lassen, was sich bewegte, hier wäre keiner in den Westen durchgekommen. Er hat ein Souvenir aus einer Ruine mitgenommen für sein Haus daheim: eine verrostete Axt. Und wirklich, hier stehen die Überreste von in Stein gemauerten Häusern, im jungen Wald liegen Reste von Geschirr und Werkzeug. Gebüsch und Brennnesseln wachsen in den ehemaligen Räumen.

Ein kurzes Stück weiter und ich höre schon die Lainsitz rauschen! Von weitem leuchtet mir schon ihr Name auf einem Schild entgegen: "Lužnice, 8t"! Der Weg überquert den Fluss mit einer steinernen Brücke, der Bogen sorgfältig gesetzt aus grob bearbeiteten Granitblöcken. Diese Brücke wurde in einer Zeit gebaut, in der hier Leben war, sie ist zu aufwendig für menschenleere Wälder.

Die Brücke markiert eine neue Epoche im Leben des Flusses. Vorher fließt er flach durch das Unterholz, danach wird er zu einem Gebirgsbach, der sich über große Granitblöcke steil hinunterstürzt. Kleine Wasserfälle entstehen. Der Wald herum ist licht und hoch. Der Fluss vom Weg her kaum zu erreichen. Man hört nur das Tosen des Wassers, jetzt ungefährlich, doch nach Wolkenbrüchen werden hier Naturgewalten entfesselt sein. Jahr und Tag fällt hier das Wasser hinunter, der Zustand des Wassers nie gleich, die Melodie unendlich oft abgewandelt. Selten, dass heute ein Mensch zusieht und zuhört.

Ich will weiter, hinunter, dorthin, wo die Lainsitz wieder nach Österreich wechseln wird. Der Wald verändert des öfteren seine Gestalt, des Bach manchmal näher, manchmal weiter entfernt. Stellenweise fällt der Hang zum Fluss steil ab, sodass der Weg einige Meter hoch über dem Fluss verläuft. Knapp vor der Lichtung des ehemaligen Střibrné Hutě (Silberberg) häufen sich wieder die verlassenen Unterstände und Wachstände aus der Zeit der Diktatur. Man hat sie einfach verlassen, keiner hat sie weggeschafft, so stehen sie hier schon mehr als ein Jahrzehnt als Mahnmale gegen den Totalitarismus. Wie Kulissen für einen Agentenfilm aus der Zeit des Kalten Krieges, doch wirklich und nicht aus Pappmaschee.

Man kommt auf die Lichtung, der Weg wird gesäumt von einer historischen Allee, man merkt, hier ist ehemalige Kulturlandschaft. Die Lainsitz verschwindet an einer unzugänglichen Stelle an der Einmündung eines kleinen Nebenflusses nach Österreich, der aus dem Silberberger Tal herauskommt. Der Grenzübergang ist geschlossen, täglich kommt eine Grenzpatrouille vorbei und kontrolliert das Vorhängeschloss am Balken. Hier ging einst die viel befahrene "Kurze Böhmische Straße" durch, von Zwettl über Steinbach, Joachimsthal, Luschnitz nach Beneschau und weiter, ein breiter Sandweg und mächtige Alleebäume zeugen noch heute davon.

Die Lichtung ist groß, die Wiesen sehen aus, als würden sie selten gemäht. Die Häuser der ehemaligen Siedlung sind verschwunden. Die Tschechen dürften den Ort als kritische Zone angesehen haben, denn es konzentrieren sich hier die Überbleibsel der ehemaligen Wachanlagen. Das Tal wurde wohl als potentielle Angriffsroute des Westens gesehen, und wirklich ist hier ein geographisch ausgezeichneter Ort für einen Wechsel vom Waldviertel hinüber ins Böhmische. Die verlassenen Unterstände und Türme erzeugen eine Westernatmosphäre, die durch die Einsamkeit des Tales noch verstärkt wird. Hier könnte man jederzeit ein neues Dorf aufbauen, der Boden bräuchte kaum Arbeit, und er wäre wieder bewirtschaftbar. Man müsste nur ungehindert nach Österreich fahren können, denn der Anschluss zu tschechischen Orten ist schlecht. Vielleicht bringt hier ausnahmsweise der vorgesehene Beitritt von Tschechien zur EU auch Vorteile für eine Region.

Zurück nach Buchers, wo das Auto steht. Am Weg fällt mir ein gut bearbeiteter Stein auf und weist mich darauf hin, dass sich hier in der Nähe auf österreichischer Seite das verlassene Christinaberg befindet. Wie die meisten Orte einst eine Glashütte, die längst aufgelassen wurde. Nicht nur der Staatssozialismus hat hier die Dörfer ruiniert, auch der Verfall des ehemals blühenden Glasgewerbes hat die Menschen von hier verschwinden lassen.

Knapp vor Janovy Hutě, wo ich die Ruinen fotografieren will, fällt mir die Kamera zu Boden, ich muss wieder ohne Fotos von zerstörten Häusern nach Hause fahren. Beim ersten Besuch waren die Batterien erschöpft, bevor ich Buchers fotografieren konnte. Vielleicht ist es auch ein Wink von oben: Zeig das Schöne aus der Gegend, deck nicht die alten Wunden auf. Vielleicht ist das Verdecken aber auch der falsche Weg zur Versöhnung.

In Buchers kommt ein Ehepaar aus Prag zum Parkplatz. Die beiden wollen hier spazieren gehen. Ich meine, dass der Ort hier beklemmende Gedanken wecke - sie staunen nur. Nein, die Landschaft sei herrlich hier, das wäre doch alles so lange her! Ich selber habe kaum Verwandte, die nach dem Weltkrieg vertrieben wurde. Und doch kränkt diese Sicht. Auch wenn die beiden nichts mit der Vertreibung zu tun haben, das schreckliche Ereignis verlangt seine Aufarbeitung und Wahrnehmung, damit solches nie wieder hier an der Grenze zwischen Böhmen und Niederösterreich geschehen kann.

-> Satellitenbild von Silberberg auf Google maps