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Bilder Oberlauf Lužnice I

Auflösung

mittel
gering


Kurz nach dem
Grenzübertritt
 


Trotzjahre
 


Nach einem
Kilometer in Böhmen
 


Vorfreude
auf den Teich,...



...doch erst
noch durch Morast



Ruhe, vollkommen.



Auf einer
Landzunge



Kanada? Nein!
Hinter dem Tischberg!



Ein Ort
voll spiritueller Kraft



Weit und breit
keine Ansiedlung

Paradies obere Lainsitz - einst Schauplatz der Hölle (2002)
Erster Teil

Wer das vollkommen Andere, Verdeckte, Unbekannte, das Abenteuer sucht, muss nicht auf Safari gehen oder nach Alaska fliegen, er braucht sich nur daranmachen, den tschechischen Teil der oberen Lainsitz zu erkunden. Die Lainsitz verlässt Österreich schon nach knapp zwei Kilometern, um dann etwa fünf Kilometer entlang der Grenze auf tschechischem Boden dahin zu fließen, bevor sie dann noch einmal Österreich besucht, um endlich den längsten Teil wieder drüben zu verbringen.

Die Karte verzeichnet einen Fußgängergrenzübergang in Stadlberg bei Karlstift. Ist nicht! Nur an wenigen, gewissen Tagen im Jahr ist dieser Übergang geöffnet. Also über Weitra, Pyhrabruck und Gratzen einen mehr als 65 km langen Umweg fahren! Die Strecke ist für sich allein schon ein Erlebnis! Der Grenzübergang verschlafen, kein Auto weit und breit zu sehen. Die Grenzer feiern den seltenen Passanten und nehmen sich daher viel Zeit für ihn. Vorbei am schönen Nove Hrady / Gratzen, durch alte Alleen bis Stropnitz, hinauf nach Brünnl / Dobrá Voda und dort eine erste Pause mit weitem Blick hinein ins Wittingauer Becken. Doch man wollte ja eigentlich gar nicht hier her, also weiter. Und nun sollte man einen sonnigen Tag erwischt haben, sonst kann man die immer schlechter werdenden Straßen, die immer mehr nach frischer Farbe und neuem Verputz schreienden Häuser, den immer einsamer und tiefer werdenden Wald nicht ertragen. Kilometerlange Straßen durch dichten Wald, ohne an einem einzigen Dorf vorbei zu kommen. Pohorská Ves eine Siedlung mit poststaatssozialistischem Reiz. Kaum Felder in den wenigen Lichtungen, das Gras selten gemäht. Bauern gibt es anscheinend keine mehr, man passiert Großfarmen, die wie nach einem Bombenangriff aussehen, wüst und roh. Bei Leopoldov überlegt man endgültig umzukehren, doch jetzt hat man schon so lange durchgehalten, also Augen zu und durch! Die Straße wird noch schlechter, das Tal noch finsterer. Doch endlich erreicht man die große Lichtung von Pohori na Sumave / Buchers, vorbei an Teichen fahrend erblickt man an einer entfernten Anhöhe den Ort. Erst näher gekommen merkt man, dass hier einst etwas Schreckliches geschehen ist: Der Ort ist ausgelöscht! Die Menschen nach dem zweiten Weltkrieg vertrieben, die Häuser geschliffen, das Langhaus der Kirche eingestürzt, die ehemalige Schule ein Schutthaufen, Brennnesseln markieren den Ort der ehemaligen Gärten, der Friedhof ist zum Teil durch mehr als 50 Jahre Wetter und ungezügelten Naturwuchs, zum anderen Teil auch durch menschliches Zutun verwüstet. Man merkt vereinzelt Spuren von Renovierung nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, Namensschilder, die wieder angebracht wurden, ein neues Tor, doch der Anblick erinnert immer noch an ein Ruinenfeld im Urwald, als wäre dies der Friedhof einer Tausend Jahre versunkenen Kultur.

Wir gehen die Allee hinauf, vorbei an einem Container, in dem ein Polizist hinter einem Fenster Wache hält. Er wirkt selbst wie ein Überbleibsel aus der Zeit, als hier zwei Gesellschaftssysteme aufeinander prallten, als hier scharf auf Systemflüchtlinge geschossen wurde. Unbehagen erfüllt den Wanderer, Zeitungsbilder von der Niederwalzung des Prager Frühlings steigen auf, von selbst beobachteten Panzern am Grenzübergang in Gmünd, die ihre Rohre herüber richteten, von tschechischen Bombern, die über Waldviertler Kartoffelfelder donnerten, von verlaufenen Schwammerlsuchern, die drüben wochenlang festgehalten und verhört wurden, von Leuchtraketen, die das nächtliche Gmünd taghell aufleuchten ließen, wenn Verdächtiges bemerkt wurde. Der Onkel, der an der Grenze wohnte und täglich die Soldaten drüben beobachtete, dessen Mutter selbst aus dem Osten vertrieben wurde, der sie bei der Ernte auf dem großen Feld drüben beobachtete und sie hasste für den achtlosen Umgang mit diesem Feld.

Ich gehe weiter dem Wald zu, komme auf einen von Waldmaschinen und Regen unbegehbar gewordenen Weg. Vorher staunt man: In der tschechischen Karte ist etwas von „nepravy pramen Lužnice“, also einer fälschlichen Quelle der Lainsitz auf böhmischem Gebiet verzeichnet. Hier stehen aber überall kleine, neue Wegweiser mit der Aufschrift „Pramen Lužnice“, Quelle der Lainsitz! Will man auch hier herüben nicht einsehen, dass die Lainsitz zwei Völkern gehört? Oder: Schön, das die Lainsitz zwei Väter hat!

Hinunter zur „nepravy Lužnice“, dem böhmischen Zufluss zur Lainsitz. Sumpfiges Gebiet. Dorthin, wo ich von Österreich herüberschaute, zum Zusammenfluss der böhmischen Lainsitz mit der österreichischen Lainsitz. Dichter Wald, Moor, verrottendes Holz, hohes Gras. Hier ist der Dschungel am Lainsitzoberlauf. Der kleine Bach mäandert das erste Mal, bekommt seinen eigenen Willen, kommt in seine Trotzjahre, sagt „Nein“ zu geradem Lauf.

Endlich kommt der Weg wieder an den Fluss heran. Nun kann man gemütlich mit der Lainsitz dahinwandern. Leicht abfallend kreuzt sie zweimal, einmal über eine Furt, das zweite Mal durch ein Rohr. Rechts der Tischberg ist nicht zu sehen, er ist zu nah, der Wald zu dicht.

Auf einmal lichtet sich der Wald. Der Bach beginnt aufgeregt hin und her zu fließen, lässt dabei breite Sandbänke liegen und verschwindet dann in einem undurchdringlichen Dickicht. Abgestorbene, umstürzende Bäume, Morast, hohes saures Gras. Der Teich, der „Kapelunk“, ist erreicht!

Die Irrfahrt, der trostlose Anblick von Buchers, die Ängste beim einsamen Marsch entlang der Lainsitz, die Gedanken an die Zeit, als hier zu gehen äußerst lebensgefährlich gewesen wäre, all dies ist plötzlich verflogen! Ein Teich mit wunderbaren Ufern mitten im tiefen Nordwald, gespeist von der Lainsitz, liegt vor einem! Man muss auf einem sumpfigen Pfad das Ufer entlang um den halben See, um an eine trockene Landzunge zu kommen. Ist man in Böhmen oder ist man in Kanada? Jetzt ein Boot, mehrere Freunde, ein Zelt, ein Lagerfeuer, das wäre etwas! Stille, nur Vogelschlag und -gezwitscher, das Klatschen von Insekten jagenden Fischen auf die Wasseroberfläche, der Wind, weit weg Motorsägengeräusch, ein Paradies, das fünfzig Jahre Schauplatz einer Hölle sein musste.

Nach kurzer Rast geht’s zum Damm des Teiches, durch einen wunderbaren Hain, mit hellen Bäumen bewachsen, man spürt, hier ist kultivierter Boden, doch man sieht nicht, was sich hier einst befunden haben könnte. Vermodernde Masten, mit alten Isolatoren daran, liegen auf dem Boden. Der Damm einige Meter hoch. Drunten der Auslass, tiefrotes Wasser tritt aus. Hohe Bäume und Damm bilden einen dunklen Saal, mit eigenartiger, beklemmender Atmosphäre.

Die tschechischen, in Nove Hrady aufgetriebenen Batterien sind alle leer fotografiert, ich will zurück. Liebe Lainsitz, das nächste Stück bis zur Grenze musst du mir vorerst noch unerforscht bleiben. Wir treffen einander bald wieder!

Zurück nach Buchers, auch zur zweiten Quelle der Lainsitz, den Ort ansehen. Hinüber nach Österreich schauen, hinüber auf die Gedenkkapelle, von wo viele Jahrzehnte lang die vertriebenen Bucherser wehmütig herüberschauten, zu ihrem verfallenden Heimatort, ohne Aussicht darauf, ihn jemals wieder besuchen zu können! Der Fall des Staatssozialismus hat es ermöglicht, dass auch Deutsche und Österreicher sich hier wieder frei tummeln können. Wie die alte Wunde aber geheilt werden kann, darüber muss man sich dringend Gedanken machen, hüben und drüben, damit man wieder fröhlich wird, hier in der deutsch-böhmischen Lainsitzer Gegend. In unserem Gefühl muss der Grenzzaun ein zweites Mal, symbolisch abgerissen, der Graben in unserem Herz noch überwunden werden. Die Lainsitz, ein Juwel in beiderseitigem Eigentum, bietet Gelegenheit, den jeweils anderen kennen zu lernen!
-> Sattelitenbild mit Kapelunk auf Google maps