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Nebelstein

Achtung Doppelkurve!
Mit der Lainsitz durch die Weitraer Vorstadt Ledertal (2003)

Ich schreibe schon seit Wochen an diesem Beitrag. Die Bilder sind mehr als zwei Monate alt. Ich habe gelesen und gelesen, dann an ersten Sätzen stundenlang herumgefeilt. Einzelne Absätze waren fertig, ich habe es aber nicht geschafft, ein Ganzes zu bauen. Lieber wanderte ich im Sommer weiter den Fluss entlang, fuhr das erste Mal Boot auf meiner geliebten Lainsitz und lernte viele neue Seiten meines Flusses kennen. Jetzt habe ich die Scheune voll mit sonnigen Bildern. Im Herbst und im Winter, wenn es draußen kalt sein wird, werde ich daraus sonnige Seiten dreschen.

Jetzt habe ich alles gestrichen und fange von vorne an. Ich will die Sache hinter mich bringen. Auch die Lainsitz selbst hat es nicht leicht auf diesem Stück ihres Weges. Sie rennt zuerst einmal mit vollem Schwung gegen den Weitraer Burgberg an, der nicht nachgibt, der die Lainsitz im Gegenteil dazu zwingt, ein Stück zurück zu weichen. Der Bach sammelt seine Kraft und schießt, klüger geworden, im zweiten Anlauf links am Berg vorbei, hinunter nach Brühl. Ich hoffe, dass mein zweiter Anlauf auch erfolgreich ist und ich nicht endlos gegen den Weitraer Berg anrennen muss.

Ledertal, der Name allein ist eine Geschichtsquelle. Ja, Leder wurde hier vom Mittelalter an hergestellt. Im 14. Jahrhundert soll schon vom "vallis cerdonum" die Rede gewesen sein 1). Neben den Gerbern arbeiteten in Weitra auch deren Abnehmer, die Handschuhmacher, Huterer, Schuster und Sohlschneider. Die Lederer wurden durch drei Umstände ins Tal gezwungen: Sie brauchten das Wasser zum Waschen der vorbehandelten Felle, sie brauchten die Kraft des Flusses für die Lohstampfen und vielleicht auch für das Nachbearbeiten der Ware, und es zwang sie der Unmut der Bürger: Die Felle, die zur Enthaarung mit allen möglichen Scheußlichkeiten behandelt wurden, stanken wahrlich bis zum Himmel.

Nach dieser chemischen Vorbehandlung wurden die Felle gewaschen - hier hat das geflügelte Wort von den davonschwimmenden Fellen ihren Ursprung - und mit dem Gerbermesser von letzten losen Fleisch- und Hautfetzen gereinigt. Danach wurden die Häute mit Lohbrühe versetzt und in die Gerbgruben gelegt. Alle paar Wochen wurden sie herausgenommen und mit neuer Brühe in anderer Reihenfolge wieder zurückgebreitet. Bis zu zwei Jahren dauerte dieses Haltbar- und Flexibelmachen der Haut. Lohe, das ist zerstampfte Rinde von Eichen, aber auch von Fichten und anderen Bäume wird für spezielle Leder die Rinde genommen. Eine Lohstampfe ist im Erlach, dem Eingang zum Gabrielental, im 14. Jhdt bezeugt. Mit Lohe erfolgte das Braungerben, die Weißgerber dagegen verwendeten Alaun zum Gerben der Blößen und erzielten dabei ein helleres und weicheres Leder für Sattlerzwecke oder für Schuhfutter.

Neben den Lohstampfen gab es im Ledertal noch jede Menge anderer "Mühlen", die Kraft des Wasser nutzend. Eine Quelle aus dem Jahr 1547 soll im Ledertal 5 Lederer und 6 Müller (Höfmüller, Bröckmüller, Wendelmüller, Strützl-, Zaun- und Jorgmüller) nennen 2). Auch ein Bader hatte sein Haus im Ledertal. Interessant ist, dass damals insgesamt 68 Häuser in Weitra samt Vorstadt standen, wovon 35 Handwerkshäuser waren. Die Stadt konnte damals beinahe alles erzeugen, was ihr Umland brauchte. Weitra war für das Weitraer Land absoluter Zentralort, so wie Wien heute für Österreich.

Mir scheint, dass nicht nur strategische Gründe den Kuenringer Hadmar II um das Jahr 1200 bewegt haben, von Alt-Weitra hier herauf zu ziehen. Es könnte auch der wesentlich bessere Standort gewesen sein: Die Lainsitz hat hier auf kurzem Lauf ein ansehnliches Gefälle, das Wasser daher potentielle Energie für viele Mühlen! Nach meinen unzureichenden Unterlagen dürfte der Bach auf unserem heutigen Weg zwischen Spitalerbach- und Tiefenbachmündung, also auf etwa 400m Luftlinie, um die 15m fallen, das wäre ein durchschnittliches Gefälle von fast 4%. Im alten Weitra, in Alt-Weitra unten, da gingen sich vielleicht ein oder zwei Mühlen aus, wenn man das Wasser schon sehr weit oben aus dem Altbach leiten würde. Vielleicht waren die Müller, Stampfer oder Walker zuerst hier heroben, das ganze Kraft-Gewerbe zog in das Ledertal, also hatte auch der Herr ein Einsehen und verlegte seinen Standort.

Der Spitalerbach (Grünbach) mündet gegenüber dem Weitraer Bürgerspital in die Lainsitz. Seinen Namen hat das Bächlein aber vom Ort Spital, wo Anfang des 13. Jahrhunderts von den Johannitern (seit 1530 Malteser) eine Pilger- und Kreuzfahrerherberge ("Spital") errichtet wurde. Dieses Hospital wurde schon 1227 erstmals urkundlich genannt. 3)

Das Weitraer Bürgerspital steht in sonst keinem augenscheinlichen Zusammenhang mit dem eh. Hospital in Spital. Es ist überdies eine bürgerliche Stiftung: 1341 ließ Margareta, die Witwe des Stifters Chunrat Marchat, dieses Haus und die angeschlossene Kirche (zu Ehren des Heiligen Geistes und Mariens geweiht) für die Armen und Siechen fertig stellen.4) Der Pfarrer von Weitra sollte einen Priester für die tägliche Messe in der Spitalskirche bestellen. Die Wände des Gotteshauses sind mit zahlreichen Fresken und Inschriften versehen, sie geben Zeugnis von der vollen Einbettung unserer Gegend in die damalige Kulturwelt. Die Stiftung war von Anfang an der Kontrolle und Verwaltung der Stadt übergeben worden. Diese kaufte weitere Benefizien zur ursprünglichen Stiftung dazu, u. a. Lehen und Höfe in Waltersschlag, Wielands und Wultschau, in den beiden letzen Orten erhielt das Spital dadurch sogar die Ortsobrigkeit.

Das Spital war für arme, alte und kranke Bürger Weitras und Untertanen aus Wielands und Wultschau bestimmt. Nur vereinzelt kam es vor, dass sich jemand von außerhalb einen Pflegeplatz erkaufte. Wie sich das Leben in diesem Haus abspielte, darüber kann nur spekuliert werden. Etwa 25 Personen dürften in einer großen Halle untergebracht gewesen sein. Was nach heutigen Vorstellungen unzumutbar erscheint, war für damals eine große soziale Errungenschaft. Die Stadt kümmerte sich um ihre Armen, Alten und Kranken! Nicht ganz ohne Vorteil für den Stifter und seine Witwe: Konnten sie durch die Gebete der Versorgten auf Ablass im Jenseits rechnen. Und das Tag für Tag, Jahr für Jahr, solange die Stiftung besteht!

Heute gibt es keine Lederer mehr im Ledertal. Die Umwelt belastende Lederherstellung wird immer mehr in Länder der Dritten Welt verlagert. Heute gibt es keinen Bader mehr im Ledertal. Heute gibt es keine Mühle mehr im Ledertal. Nur noch die Turbine im ehemaligen Hammerwerk Kugler. Die Seidl(Erlach-)mühle steht seit 1972, die Hofmühle seit etwa 1990, die Winkler(Zaun-)mühle seit 1950, von der Pruckmühle ist mir das Schließjahr nicht bekannt,  die Hammerschmiede (Zargmühle) steht seit mehreren Jahren und die Waschka(Wendel-)mühle seit 1955. 5) Von einigen sind mehr oder minder große Teile noch erhalten.

Dem Hammer vom Kugler wurde im Zuge des Hochwassers letzten Jahres ein Ende gemacht.

Ein Ende ist auch der 1896 gebauten Eisenfachwerksbrücke der Firma Gridl bei der Kuglerwehr gemacht worden, obwohl sie 1984 im sog. Wehdorn als einmaliges Baudenkmal auf zwei Seiten aufgeführt wurde.6)  Diese Brücken werden immer seltener, daher freue ich mich, dass ich diesen August in Breitensee eine vergleichbare Brücke entdeckte. Die Stadt Gmünd hatte schon Überlegungen hinsichtlich ihrer Demolierung angestellt, weil sie sich des Wertes dieser Brücke nicht bewusst war. Ich hoffe, sie wird nun unter Denkmalschutz gestellt und für die Lainsitz bzw. ihre Gäste erhalten.7)

Zwei Dinge ärgerten mich auf diesem Teilstück im Sommer: Dass die Lainsitz von der Wehr bis zum Unterwasser vom Kugler völlig trocken lag. Nur harte Felsen durchflossen unendlich langsam die Kurve um das ehemalige Kuglerhammerwerk. Man sollte dem Bach und den Felsen zumindest ein wenig Tunke lassen, die Fische würden sich mit Wasser auch wohler fühlen. 

Der zweite ärgerliche Umstand ist ebenfalls eine Grobheit der Siedler gegenüber ihrem Bach: Im Zuge der Beseitigung der Hochwasserschäden ist mit Baggern eine rohe Straße von Tiefenbach herauf bis zum Waschka entlang des Baches gerissen worden. Würde man ein wenig achtsamer mit der ewig jungen Dame Lainsitz umgehen, würde man ihr nicht den allerletzten Platz rauben, so wäre sie auch nicht so gefährlich für ihre Anwohner in ihrer Wut.


Mehr zum historischen Gerben und über Lohe erfährt man in Meyers-Konversationslexikon aus dem Jahr 1888, das online zugänglich ist!

Das Ledertal auf austrianmap.at

Die Stadt Weitra im Internet

Anmerkungen:

1) Herwig Birklbauer, Wolfgang Katzenschlager: 800 Jahre Weitra. Mit einem Beitrag von Herbert Knittler (Horn o.J.) 48.

2) Ebd., S. 120

3) Heimatkunde des Bezirkes Gmünd, hrsgg. von einer Arbeitsgemeinschaft unter Walter Pongratz und Paula Tomaschek (Gmünd 1986) S 647

4) 800 Jahre, S. 149

5) Andrea Komlosy: Der Fluß als Wirtschaftsfaktor. In: Die Lainsitz, Natur- und Kulturgeschichte einer Region. Hrsg. von Herbert Knittler und Andrea Komlosy (St. Pölten 1997)103-130, S. 110

6) Manfred Wehdorn und Ute Georgeacopol-Winischhofer, Baudenkmäler der Technik und Industrie in Österreich, Bd. 1 (Wien 1984)S. 246f

7) Die Gridl-Brücke bei Breitensee auf lainsitz.prinzeps.com
 

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