Hells Gate
Der Lange Marsch von Brühl durch das Tor bei Heumühl bis Ehrendorf

In zwei Stunden fahre ich von Wien hinauf, parke das Auto bei dem Marterl an der Abzweigung nach Brühl hinunter, ziehe die Wanderschuhe an und marschiere los. Auf der Straße entlang des Baches bin ich zuerst ausnahmsweise einmal nicht allein: Einige Radler fahren von Weitra über Brühl, Unserfrau und Lembach die ruhigen Nebenstraßen nach Gmünd. Sogar ein paar Wanderer bekomme ich vor Augen.

Brühl war für mich immer geheimnisvoll. Es lag nicht weit abseits der Straße nach Gmünd, und doch konnte man das Dorf nicht sehen, weil es sich hinter einem Wäldchen versteckte. Nur selten machten wir einen Umweg durch dieses Brühl, weiter über Unserfrau und in Altweitra wieder auf die Bundesstraße. Dann zeigte uns die Mutter im Vorbeifahren ihr Geburtshaus, zeigte uns den Wehrbach, in dem ihr Bruder fast ertrunken wäre, die Mühle, die ihr Vater gepachtet und von Grund auf erneuert hatte, erzählte von den Pölzlleuten, denen die Mühle gehörte und vom Fritzonkel, der das Mühlrad und viele andere Dinge in Schuss hielt. Obwohl die Zeit, in der ihre Erzählungen spielten, noch gar nicht so lange zurück lag, klang für uns Kinder alles wie ein Märchen aus einer anderen Welt. In diesem geheimnisvollen und uns vollkommen fremden Brühl hatte die Mutter ihre Kindheit und ihre Jugend erlebt, dann zog sie mit ihrer Familie die Lainsitz hinauf nach Steinbach, ihr Vater pachtete dort die nächste renovierungsbedürftige Mühle und baute ein eigenes Haus daneben. Nach Brühl hatte man keine verwandtschaftlichen Verbindungen mehr, man hatte nur die Erinnerungen, die man manchmal auch den Kindern mitteilte.

Großvaters Mühle

Der Nebenstraße nach, mit ihr über die Brücke, dann aber links. Es steht noch fast alles so, wie es in den 40er Jahren gewesen sein soll. Das graue Häuschen der erst vor wenigen Jahren stillgelegten Krauskopfmühle, das Mahlstüberl, die hölzerne Außenstiege, der Mühlgang vom Herrenhaus herüber, über den sie von den gemieteten Zimmern direkt zur Mühle kamen. Auf einem Schütttrichter in der Mühle lese ich aufgestempelt: "Der Walzmühle Franz Fochler Brühl bei Weitra Niederdonau unveräusserliches Eigentum". Es ist eigenartig, den lieben Namen des längst verstorbenen Großvaters in dieser für einen selbst fremden Umgebung zu lesen. Solche Überreste ehemaligen Lebens sind wie abgestreifte Haut, wie ein abgeworfenes Geweih, wie die zurückgelassen Puppe eines Insekts. Die Mühle wäre voll funktionsfähig, man bräuchte sie nur einschalten und könnte sofort mahlen, sagt Ernst Pölzl, der schon über achtzig, aber immer noch sehr agil ist. Er habe lange durchgehalten, es nicht übers Herz gebracht, den Riemen herunter zu werfen. Doch er hätte am Schluss zuviel investieren müssen, es war nicht mehr zeitgemäß, das Mehl in Säcken zu liefern. Die Turbine läuft weiter und liefert Strom ins Netz. Das Sägewerk vis a vis, das dazugehört, geht besser, es wird von der nächsten und sogar übernächsten Generation betrieben. 

Das Herrenhaus, das zur Mühle gehört, muss einst ein sehr repräsentatives Gebäude gewesen sein, man lässt es aber mehr und mehr verfallen, hat auch schon Teile, z.B. ein gewölbtes Hoftor, abgerissen. Auf der vorderen Fassade sieht man Spuren von Malereien, zum Teil ornamental, zum Teil dürften Menschen dargestellt gewesen sein. Im "Hauer" steht, dass die Mühle an sich erstmals 1404 urkundlich aufscheint[1], wie alt das Haus selbst ist, keine Ahnung.

In Brühl, dessen Name sich von "bruel" ableitet, der mittelhochdeutschen Bezeichnung für eine feuchte Wiese, stand einst noch ein stattlicher Hof eines Freien, eines "kleinen" Edlen. Welcher Bauernhof heute an seiner Stelle steht oder wo sonst dieser Hof sich befunden hat, darüber schweigt das Bezirksheimatkundebuch.

Hammerschmiede Josef Pölzl's Söhne

Zurück auf die Straße und von der Brücke an weiter die Nebenstraße, die nur kurz der Lainsitz folgt. Merkwürdiger Wegverlauf: In einer scharfen Wendung stößt sich die Straße vor einem schönen Haus mit schönen alten Blitzableitern von der Lainsitz ab. Vielleicht war die Brücke früher an dieser Stelle. Das Haus gehört zur Hammerschmiede Josef Pölzl's Söhne, die einige hundert Meter weiter unten an der Lainsitz in Umnachtung liegt. Sie war einst ein florierender Betrieb, heute ist sie stillgelegt. Das Wehr ist direkt neben dem Schmiedegebäude, es ist kein Mühlbach nötig, die ganze Lainsitz wird bis hinauf zur scharfen Kurve, bei der ich das Auto stehen gelassen habe, aufgestaut. Ich gehe um die Anlage herum, steige über den Mühlgraben des Unterwassers, das unter dem Haus heraustritt.  Dem Haus fehlt eine ganze Ecke! Wie ein verletztes Tier mit offenen Wunden steht die Schmiede seit Sommer 2002 da. Durch die Öffnung sieht man, dass die Einrichtung noch ziemlich vollständig erhalten ist. Drehbänke, Bohrmaschinen, Wagenradspanner, Riementriebe, alles in historischer Ausführung. Das Mühlrad, das sich weiter hinten befinden muss, kann man nicht sehen. Im Vergleich zu vielen, mit großem Finanzaufwand als Schaustück wiederhergestellten alten Hammerschmieden wäre dieses Objekt mit nur wenig Geld in einen herzeigenswerten Zustand zu bringen. Vor dem klaffenden Loch türmen sich Metallteile, die der Schmied gehortet hat. Aus diesen wertlos scheinenden Eisenstücken verfertigten die Brühler Nachfolger des Hephaistos einst die besten Pflugscharen, Torbeschläge, Ketten und Radreifen der Welt.

Merkwürdige Topologie

Die Lainsitz stößt an einen Hang und wendet sich eine Vierteldrehung nach links. Einen Kilometer weiter oben hat sie mit dem Weitraer Ledertal den rasant fallenden Graben, in den sie in Schöllbüchl eintrat, verlassen. Seitdem gleitet die Luschnitz gemächlich und fast ohne erkennbares Gefälle dahin. Auch jetzt, nachdem sie mit der Hammerschmiede das letzte Haus Brühls hinter sich lässt, strömt sie beinahe ziellos wirkend voran. Rechts lehnt sie sich das erste Stück einige hundert Meter weit an einen bewaldeten Abhang, links sind ebene Wiesen, die sie sich selbst geschaffen hat. Dann kommt das verfallene Wehr der Stillischen Mühle von Unserfrau, die eine Kilometer weiter unten liegt. Der Hang rechts fällt zurück, man kann schon die Unserfrauer Kirche sehen, das große Alt-Weitraer Feld tut sich auf. Mehr als zehn Hektar Ebene hat der Fluss hier angelegt, die jetzt von der Weitraer Herrschaft als werden. Meiner Erinnerung nach ist das überhaupt das erste Feld, das direkt an der Lainsitz liegt! In der Zeit, als hier Niederdonau war, war das Feld Flugplatz. Heute landet und startet ein majestätischer Graureiher, der weiterfliegt, sobald ich den Fotoapparat auf ihn richte.

"Die Alten Lainsitzschlingen bei Unterbrühl, ein weiteres Naturdenkmal, zeigen Mäandereinschnitte in hartem Gestein, die von der Urlainsitz stammen. Die steilen Hangwälder, bestehend aus Eichen und Linden, besitzen ein hohes Alter."[2]

Die Lainsitz wendet vor der Unserfrauer Kirche und ihrem Hügel nach rechts. Könnte sie über den Waller fließen, würde sie, wie die Bundestrasse 41, schnurstracks nach Gmünd kommen. Ihr stellt sich der Auberg/Eichberg in den Weg, der einer der merkwürdigsten Berge am gesamten Lauf der Lainsitz ist. Ein steil herausragender, schmaler Kamm, ein nach Nordost zeigender Flügel der tischförmigen Höhe mit der Hörmannser Ansiedlung. Wie ein halb geöffnetes Schleusentor zwingt der Grat die Lainsitz zu einem widerwilligen Ausweichen. Um das Tor herum geflossen strebt sie nämlich sofort wieder zurück zu ihrer alten Linie gen Gmünd.

Der Auberg/Eichberg vermittelt auch von Gmünd aus den Eindruck einer Stellwand, die einzig dazu da ist, die Sicht hinauf ins Tal zum Wachberg hin zu verhindern. Die Lainsitz schlüpft von dort aus gesehen weit rechts auf der Bühne durch die Kulissen, vom Bühnenrand nur noch durch den Höhenberg getrennt.

Den Stellwandcharakter verstärken die steil abfallenden Hänge, das flache Tal und die gerade Linie, die auf der anderen Seite der Buschenbach am Fuß dieser Wand beschreibt. Sieht man sich das Gelände auf einer Höhenkarte an, so springt einem ein langer, gerader Riss ins Auge, der in Verlängerung der Aubergsüdwand auf der einen Seite den Höhenberg vom Hauptmassiv trennt und auf der anderen Seite einen Block entlang der Linie Ulrichs, Wörnharts, Jagenbach, Rosenau Dorf bis südwestlich von Zwettl abspaltet. Die Flüsse Lembach, Buschenbach und Zwettl markieren die jeweils tiefsten Schnitte. Das Haiderkreuz zwischen Wörnharts und Thaures bildet den Angelpunkt, die Akupunkturnadel in der letzter Höhenverbindung zur großen Platte. Der Ulrichsbach ist Lainsitz, die Zwettl Kamp, noch ein dritter großer Fluss legt seine äußersten Verästelungen hier herauf: Die Thaya entspringt auf dem abgespalteten Buckel! Mir kommt vor, dass der dreifach Wasserscheidepunkte ganz in der Nähe von Schweiggers bei Brunnhöf liegt.

Noch markanter sticht der Auberg auf dem Satellitenbild hervor. Wie der ausgestreckte Finger einer Hand zeigt er gegen Nord-Ost-Ost, geradewegs nach Budweis, zum Zentrum, um das die Lainsitz sich dreht.

Leider weiß ich nicht, wie diese Formation wirklich entstanden ist. Man sollte Geologie studieren, um mehr davon zu verstehen. Merkwürdig ist auch, dass oben auf dem Bergrücken Sand abgebaut wird. Auf dem Sattel des Wallers gab es früher eine Ziegelei, die feinere Ablagerungen eines früheren Flusses in dieser Höhe verarbeitete[3]. Das kleine Altweitraer Becken ist demnach ursprünglich mit Schwemmmaterial gefüllt gewesen und später wieder ausgeräumt worden, als sich die Gegend hob und der große See des Gmünder/Wittingauer Beckens zurückzog. Der Auberg wird wohl eine Basis aus dem Grundgestein Granit besitzen, so dass er nicht weggeschwemmt werden konnte.

Geographie und Geschichte bedingen einander, das merkt man an diesem eigenartigen Altweitraer Becken.  Irgendwann um die Mitte des 12. Jahrhunderts dürften die deutschen Siedler über Zwettl bzw. Schweiggers vordringend hier in Altweitra-Unserfrau erstmals an die Lainsitz gestoßen sein. Sie folgten dabei der Richtung, die das Gelände vorgab. Vielleicht waren sie gar nicht die ersten und sie folgten dabei einem noch älteren Weg, dem Böheimsteig, der etwa über die heutigen Ansiedlungen Strahlbach, Wörnharts, Altweitra, Pyhrabruck geführt haben könnte und schon von vorgeschichtlichen Völkern ausgetreten worden war.[4] Kelten könnten z.B. zwischen einem ihrer böhmischen Oppida (z.B. Třísov, nur 45 km Luftlinie entfern) und ihren Siedlungen am Kamp über die Furt bei Altweitra verkehrt haben.

Drei romanische Kirchen

Die Organisatoren der germanischen Siedlung im 12. Jahrhundert, die Kuenringer, ließen hier eine ausnehmend schön ausgeführte, romanische Kirche bauen, die wohl Kristallisationspunkt einer neuen kuenringischen Stadt werden sollte, die dann aber doch weiter oben, im heutigen Weitra aufgebaut wurde. Wenn nicht schon vorher der Weg bestanden hat, so führte ab dem 12. Jahrhundert eine immer bedeutender werdender Handelsstraße, die nach Gratzen und weiter nach Budweis ging, zwischen Altweitra und dem heutigen Unserfrau über die Lainsitz. Es lohnte sich, hier eine Mautstelle zu errichten.[5]

Das Gelände ist wunderbar für so eine Fernstraße. Man kommt von Zwettl über die Höhen den Flüssen entlang herüber, quert auf festem Boden eine seichte Lainsitz und kommt in einem günstigen Tal zwischen Höhenberg/Lagerberg und Mandlstein hinüber in die südböhmische Ebene des Budweiser/Wittingauer Beckens. Weiter unten, im heutigen Gmünd, wird es noch zu sumpfig gewesen sein, weiter oben, durch die Gratzener Berge, ist es heute noch zu beschwerlich. Nur in Steinbach kann eine Straße über Joachimstal und dann nach Luschnitz hinüber ins Böhmische. Erst 1321 erreichen die Neuweitraer, dass der Verkehr nach Böhmen durch ihre Stadt geführt werden muss. Ob sich die Ochsen gefreut haben werden, dass sie dadurch neuerdings den gewaltig ansteigenden Böhmberg bezwingen mussten, statt gemächlich von Altweitra nach Schagges hinaufzuziehen?

Unserfrau dürfte zusammen mit Altweitra entstanden sein. Der Ortsteil bekam erst später einen eigenen Namen, als er wegen seiner Wallfahrtskirche Unserfrau am Sand berühmt wurde. Ein Heilbad zog die Menschen Jahrhunderte lang hierher: Bei einem Hochwasser soll einst eine Marienstatue auf dem Sandhügel angeschwemmt worden sein. Genau an dieser Stelle entsprang unerwartet eine Quelle, die bald als heilkräftig galt. Man baute um 1200 eine Kapelle, wenig später eine romanische Kirche daneben. Diese florierte und bekam bald nach 1300 die verbliebenen Pfarrrechte von Altweitra übertragen. Um die Wende zur Neuzeit waren hier drei Priester tätig, was auf ein reges Wallfahrtsleben schließen lässt. Die höchste Blütezeit erlebte die Wallfahrt dann im 17. Jahrhundert. Der Niedergang folgte ein Jahrhundert später, weitere hundert Jahre, und das Heilbad war vergessen. Vor einiger Zeit fand man aber bei Grabungen nahe des Friedhofs die alte ummauerte Quelle wieder! Derzeit kann man das Wasser von neuem aus einem Rohr entnehmen. Sollte es seine Heilkraft bewahrt haben?  Man könnte es zumindest versuchen. Unserfrau wäre ein herrlicher Ort für ein modernes "Wellness"bad mit einem Wasser, das mehr als 800 Jahren für seine positive Wirkung bekannt ist.[6]

Auf der anderen Seite der Lainsitz, in Altweitra, schlummert die kuenringische Urkirche, eine der schönsten romanischen Kirchen des Waldviertels, im Dornröschenschlaf. Nur dass nicht Dornen das Gebäude verdecken, sondern hohe Bäume um die Kirchenmauer. Warum versteckt man dieses Juwel? Weg mit den Bäumen, wenn man vom Waller kommt, soll man die Kirche wieder in ihrer ganzen Pracht sehen, so wie auf der gezeigten alten Ansichtskarte! Mit der Weitraer Stadtkirche, die man übrigens auch vom Waller aus sieht, befinden sich drei wertvolle, prächtige Kirchen in engster Nachbarschaft. Und da gilt unsere Gegend als der vielleicht einsamste Fleck Europas?[7]

Durch Hells Gate

Am Tag meiner Wanderung ist sogar der Teufel los hier. Unweit der Brücke trainieren (oder kämpfen?) die Red Devils Baseball auf dem Devils Gate, wie sie den Altweitraer Fußballplatz nennen.[8] Teufelstor, das wäre auch eine etwas krasse, aber nicht unpassende Bezeichnung für die Talenge unterhalb Altweitra bei Heumühl!

Weiter den Fluss hinab! Zuerst mündet der Buschenbach rechts ein, und dort, wo die Lainsitz an den Auberg anprallt, läuft auch die alte Bahnlinie rechts wieder zu, die sich in Langfeld von uns getrennt hatte. Links eine wunderbare, in allen Farben blühende Wiese.

Dort, wo das Mühlwasser der Stillischen Mühle, heutiger Besitzer Mülleder Johann, in einem lahmen Kanal wieder zufließen will, bin ich gezwungen, weit bis zu einem Steg zurückzugehen.

Später will ich die Flussseite wechseln, ziehe die Schuhe aus und schlage mich hinüber auf den Auberg. Es war gut so, denn nur wenig später höre ich den Zug entfernt pfeifen. Rauf zu den Schienen und schon biegt er von unten herauf kommend um die Ecke. Die Wagerl hinter dem Dampfross sind voll besetzt. Die Züge von Gmünd nach Großgerungs hinauf verkehren nur noch an Wochenenden.

Ich gehe ein Stück die Schienen entlang. Fast hätte ich einen Weg übersehen, der die Bahn kreuzt und zu einem Steg führt. Ein Wanderweg Nr. 5 soll hier entlanglaufen. Also nutze ich die Möglichkeit, wieder auf die linke Bachseite zu gelangen.

Nur wenig weiter unten mündet der, heuer ausgetrocknete, Schaggesbach ein. Ich steige in die Lainsitz und suche ein wenig herum. Es fällt mir eine Apothekerschale aus Porzellan und ein merkwürdig rundes, braunes Ding in die Hände, das wie ein versteinertes, platt gedrücktes Ei aussieht. Ich nehme es mit. Jetzt wo ich den Bericht schreibe, habe ich es wieder hervorgekramt. Es sieht wirklich wie ein Urzeitrelikt aus. Ich schicke ein Foto einem Paläontologen des Naturhistorischen Museums. Er erklärt das Ding als einen unbestimmten, mit einer Limonitkruste überzogenen Stein. Ein versteinertes Ei wäre eine Sensation gewesen.

Man kommt der Stirn des Aubergs, dem Devils Gate näher, kommt in das Gebiet, in dem die NÖSIWAG[9] Lainsitzwasser entnimmt und zu Trinkwasser aufbereitet. Die Anlagen sind hinter einem  extra angepflanzt wirkenden Wäldchen versteckt. In der Wiese verstreut erhöhte Schachtdeckel mit herausragenden Rohren und angebauten Kästen. Wäre interessant, wie viel Wasser hier entnommen wird und was damit geschieht.

Das Wehr der Heumühle kommt noch, und dann pendelt die Lainsitz weg vom Auberg. Ab hier ist die Lainsitz reguliert, sind die Ufer mit Steinen befestigt bis hinunter nach Gmünd.

Man kommt an die engste Stelle des Tales, zum Tor, das hinausführt in die Gmünder Bucht, einen Vorraum des großen Wittingauer Beckens. So richtig hinaus in die freie Ebene werden wir erst unten in Breitensee gelangen, bis dahin verstellt uns links der Höhenberg mit seinen Abhängen noch den Blick. Direkt am Tor links liegt Lembach, Unterlembach, rechts Eichberg, vorher Heumühle. Die Lainsitz wendet nach Nordost und zieht in der Mitte eines bis zu drei Kilometer breiten Tales nach Gmünd. Von Lembach aus führt das gerade, flach ansteigende Tal bis Pyhrabruck, das den Lagerberg/Höhenberg von der Masse der Gratzener Berge wegschneidet und freistellt. Wäre der Weg über Gmünd verstellt, man könnte diesen Weg nach Böhmen nehmen. Nach Hauer stand das Wasser einmal so hoch, dass der Lagerberg eine Insel in diesem großen See war.[10]

Lembach kommt übrigens nicht von Lehmbach sondern ist die Siedlung "am langen Bach".

Versunkenes Schloss

Was es seit 1619 nicht mehr gibt: Das Schloss der Herrschaft Wasen, dessen letzte Trümmer auf der Insel im untersten Teich, dem Schlößlteich, verblieben sind. Vor 1200 schon wurde von den Kuenringern eine Burg an dieser Stelle gebaut und mit einem Lehensritter besetzt. Er und seine Mannen sollten wohl den Taleingang gegen böhmische Eindringlinge sichern. Diesem Adeligen gehörten nur an die dreißig Höfe, darunter einige auch oben in Oberlainsitz. Nach einer langen und wechselvollen Geschichte, in der die Burg zwischenzeitlich schon einmal zerstört gewesen war, kaufte schließlich Wolf Rupf, der Besitzer der Herrschaft Weitra das Gut für 9000 Gulden. Das Schlösschen, das danach im genannten Jahr bei einem Angriff böhmischer Truppen im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde, wurde nicht mehr aufgebaut und dem Verfall überlassen. [11]

Nach der Heumühle teilt sich der Bach auf mehr als einem Kilometer. Reste eines kleineren Wehrs im Bachbett. Ausgewilderter Hopfen rankt sich an einer kleinen Eiche am Ufer empor. Ein Bauer mäht mit einem alten 28er Steyr eine kleine Bachwiese.

Fruchtbare Ebene

Links des Flusses breiten sich weite Felder aus, eine auffallende Stufe am Rand des Talbodens, darüber die Häuser des Ortes Wielands aufgefädelt. Nach vorne sieht man bis Gmünd, wo man die Silos der "Erpfi-AG", der Agena, erkennen kann. Eine Bäuerin bringt gepresste Strohballen ein, die sie mit dem Frontlader ihres Traktors aufspießt und nach Hause fährt. Das erste Feld an der Lainsitz lag oben in Altweitra, hier sind es gleich einige hundert Hektar. Sogar ein Feld mit Kukuruz taucht auf, eine Frucht, die im Gmünder Bezirk sonst nicht sehr oft, wenn überhaupt angebaut werden kann, weil es zu kalt für sie ist. Daneben gleich ein Kartoffelfeld. Der Boden kann also nicht gerade sumpfig sein, obwohl direkt am Bach. Übrigens dürfte die Gegend eine der ältesten Kartoffelanbaugebiete Österreichs sein! "Maria Theresia und Joseph II. förderten den Erdäpfelanbau, der um 1740 in Pyhrabruck im Waldviertel nachweisbar ist."[12]

Bei Dietmanns haben sich Jugendliche eine Holzhütte in die Au gebaut, und es sieht so aus, als würden sie hier heraußen den Sommer in der Wildnis verbringen. Vom Ort sieht man nur den Kirchturm herüber winken, er ist durch den Bahndamm und auch durch die neue Bundesstraße von der Lainsitz abgeschnitten worden. In Dietmanns wirkte Rupert Hauer, dessen von Pongratz und Tomaschek erweiterte Heimatkunde die historische Grundlage für meine Wanderungen ist.

Auf der Dietmannser Brücke erzählt mir ein Fischer, dass kürzlich alle großen Fische von Heumühl bis herunter verendet seien, weil irgendein rotes Zeug ins Wasser geleitet worden wäre. Er habe die Fischkadaver herausgeholt und als Fuchsköder verwendet und die Sache der Gendarmerie und dem Fürstenberg angezeigt. Letzterem gehört das Fischrecht des ganzen Flusslaufes von oben bis vor Ehrendorf. Der Fischer jammert auch über die vielen Otter und Nerze, die alle seine Fische jagen.

Es ist nicht mehr weit bis Ehrendorf. Das Ufergebiet wird davor noch zu einer kleinen Au, Auhof heißt auch das einzelne Haus an der Lainsitz.

An der Brücke in Ehrendorf ist Schluss für heute. Sehen Sie sich die Pläne der vormaligen Eisenbrücke der Firma Gridl an, die hier bis vor einigen Jahren stand. Den alten Brückenkopfpfeiler haben sie stehen gelassen: "A4o2 Erbaut vom Bezirksstrasen Ausschus Schrems im Jahre 1888."

Ich fahre per Anhalter zurück. Mit dem fünften Auto komme ich mit bis Brühl. Die Bundesstraße führt über den Waller, Altweitra und über den Buckel danach. Die Lainsitz ist von der Straße aus nicht zu sehen, nur das grüne Band der Weiden lässt ihren Lauf erahnen.


Offizielle Links:

Unserfrau-Altweitra auf tiscover.at

Marktgemeinde Großdietmanns mit wertvollen Informationen zu den Ortschaften entlang der Lainsitz: Heumühle, Eichberg, Unterlembach, Dietmanns, Wielands, Ehrendorf

Hells Gate auf austrianmap.at
 

Fußoten:

[1] Heimatkunde des Bezirkes Gmünd. Begründet von Rupert Hauer, neu bearbeitet und ergänzt von einer Arbeitsgemeinschaft unter Walter Pongratz und Paula Tomaschek (Gmünd 1986) S. 642

[2] Ernst Wandaller und Dieter Manhart: Universum vor der Haustür. Die außergewöhnlichen Naturschätze des Raumes Gmünd (St. Pölten 1999) S. 91

[3] Rupert Hauer, Die Flußsysteme des n.-ö. Waldviertels (Gmünd 1952) S. 30

[4] Heimatkunde, S. 231

[5] Heimatkunde, S. 232

[6] Heimatkunde, S. 622ff

[7] "Das Waldviertel ist vielleicht die einsamste Gegend Europas". In: Die Zeit vom 22. 12. 2003, S. 63

[8] Über Unserfrau-Altweitra erfährt man kaum etwas im Internet, auch nicht auf Tiscover

Aber die Red Devils haben eine Super Homepage: http://w4reddevils.com

[9] Stichwort "NÖSIWAG" auf www.aeiou.at: Niederösterreichische Siedlungswasserbau Ges. m. b. H., Wasserversorgungsunternehmen mit Sitz in Maria-Enzersdorf, gegründet 1962, betreibt (1999) 71 Hochbehälter mit insgesamt 179.000 m3 Speichervolumen und versorgt durch 1305 km Rohrleitungen rund 450.000 Einwohner in 509 Katastralgemeinden. Umsatz (1999): 222 Millionen Schilling; 56 Mitarbeiter.

Heute heißt die NÖSIWAG "evn wasser Gesellschaft m.b.H."

[10] Flußsysteme, S. 34

[11] Heimatkunde, S. 465f

[12] Schlagwort "Erdäpfel" auf www.aeiou.at