Die Lainsitz in Breitensee
Von der Ganausbrücke bis vor die Grenze

Aufzeichnung vom Abend des 10. August 2003:

Ich fahre mit dem Rad vom Campingplatz in Gmünd über Grillenstein Richtung Breitensee. Überraschend ist, dass die Straße weite Strecken der Lainsitz folgt. In Breitensee fahre ich hinunter bis zur neuen Lainsitzbrücke, sehe dort die wunderschöne alte Eisenbrücke, die die alte Straße über den Bach führte. Sie ist genietet und sehr zierlich ausgeführt. Wäre sehr interessant, wie alt sie ist. Die Straße ist gesperrt, weil eine weitere Brücke, die über eine Lacke führt, anscheinend vom Hochwasser zerstört worden war.
Sand wurde auf die Wiese getragen, er ist zum Teil noch nicht überwachsen. Schmetterlinge. Altarme. Große Frösche, die nicht auf ihren Weg achten, klatschen mir gegen die Schienbeine. Schilf steht in wassergefüllten Altarmen, gelbe Seerosen (?) neben einem Granitmugel. Der Fels hierher gespült? Wohl kaum. Zufällig auf dem Niveau der Ebene!
Das Gras ist schilfig. Man kommt schlecht voran.
Drei Kubikmeter Sand holte jemand aus Breitensee. Der Vater fuhr oft mit dem Wagen, wie viel er auflud, weiß ich nicht.

Mehr als ein halbes Jahr ist es nun her, dass ich die paar Zeilen in den alten Compaq Notebook 100 klopfte. Ich saß auf einem Schemel im Zelt, eine alte Wanderlampe über mir, den Strom aus einer riesigen Kabelrolle mit Wackelkontakt, ringsum alles von einer dünnen Schicht Staub des heißen Sommers überzogen.

Juwel Ganausbrücke

Die schöne Brücke war tatsächlich eine unerwartete Überraschung. Ich hatte mit erstaunlicher Natur gerechnet, die sich dann auch zeigte, nicht aber mit einem außergewöhnlichen Bauwerk! Zwei Wochen später erfuhr ich dann noch, dass es abgerissen werden könnte. Aus der Entdeckung entwickelte sich ein Abenteuer, das noch immer nicht ganz abgeschlossen ist. Ich fand die Herstellerfirma heraus: "Ig. Gridl". Es stellte sich heraus, dass diese so bedeutende Objekte wie das Palmenhaus in Schönbrunn gebaut hatte. Im Landesarchiv entdeckte ich die Bauunterlagen, die Brücke ist im Jahr 1900 abgenommen worden, meine Breitenseewanderung war genau am Jahrestag der Kollaudierung. Das Denkmalamt fand die Brücke erhaltenswert, alle Änderungen an dieser müssen nun mit dem Amt abgesprochen werden. Es gab mehrere, auch zweiseitige Artikel in den lokalen Zeitungen und es gibt nun auch eine Ansichtskarte, die man in einigen Geschäften in Gmünd kaufen kann. Die Stadt dürfte sich aber noch immer nicht damit abgefunden haben, in der "Ganausbrücke", wie sie heißt, eine Rarität zu besitzen. (*)

Schatzkiste Natur

Zurück zur Natur. Der Fluss prägt hier stark seine Umgebung. Die Bauern respektierten das, wie es scheint, auch früher schon. Die vielen abgeschnittenen Altarme bilden tiefe Mulden in den Wiesen, manche sind sogar mit Wasser gefüllt und bilden kleine Seen. "Moderne" Landwirte würden zur Gras- und Tierproduktionsoptimierung diese schon längst zugeschüttet haben. Zum Glück haben es die Bauern nicht getan. So kann man heute noch die wild wachsenden Gelben Teichrosen im Gmünder Bezirk erleben! Die Pflanze mit den großen Blüten steht unter Naturschutz. Sie ist leicht giftig, fast weltweit verbreitet, in Mitteleuropa aber in ihrer Existenz schon stark bedroht.

Dass große Granitrestlinge aus dem Talboden lugen, verwundert. Ob die Lainsitz hier etwa auf der Höhe des Urbodens dahin fließt? Oder kann es sein, dass die Steine auf irgendeine Weise hier angeschwemmt wurden? Dass sie von weiter oben auf dem Sand schwimmend hierher getragen wurden? Dass die bemoosten, flachen Rundlinge riesige Schottersteine sind? Zusammen mit den von Teichrosen bedeckten Becken geben sie das Bild eines wunderbar arrangierten Gartens, der keinem Architekten schöner gelungen wäre. Claude Monet hätte seine Freude mit diesem Motiv gehabt.

Man kann der Lainsitz mit ihren vielen Schlingen nur schwer folgen. Mühsam schlägt man sich voran und es kann einem passieren, dass man nach langem Marsch wieder nahe an den Ausgangspunkt zurückgeführt wird. Knapp vor der Grenze resigniere ich. Größere Tümpel lassen ein Weiterkommen aussichtslos erscheinen. Ich gehe aus den Bachwiesen hinaus hinauf zum Dorf. Große, alte Höfe stehen da, aber auch neue Einfamilienhäuschen. Von oben bietet das Breitenseeer Tal einen herrlichen Anblick. Wieder drängt sich einem der Eindruck eines Parks auf, der vor einem liegt. Kulturland, und doch nicht zerstörte Wildnis.

Was mich unten an manchen Stellen des Urflusses nicht verwundert hätte, hier heroben finde ich sie: Krokodile! Gartenzwerge stehen voyeuristisch auf dem Dach einer Garage und beobachten, wie eine nackte Frau von Reptilien umringt wird. Es ist nicht ganz klar, ob die Ungeheuer die Frau bedrängen und sie knapp davor sind, das noch unversehrte Weib zu verschlingen oder ob vielmehr die Hübsche selbst zu der Gruppe der gefährlichen Tiere gehört, weil sie sich wie eine von ihnen bewegt, gar nicht beunruhigt wirkt, selbst den Betrachter als mögliches Opfer in den Blick nimmt. Ob das Lainsitztal zu diesem Urwaldbild inspiriert hat?

Sand, wie am Meer

Zu den Gruben, aus denen mein Vater Bausand geholt hatte, komme ich nicht, sie müssen oberhalb der Ortschaft liegen. Breitensee wird vielen wegen des Sandes bekannt sein. Es gab auch bei uns oben in Oberlainsitz vereinzelt kleine Sandgruben, die jedoch nicht sehr ergiebig waren und vor allem keine gleichmäßige Qualität boten. Teilweise holte man sich Sand auch direkt aus dem Bach. Es gab günstige Stellen dafür, oben beim Poppinger an der Brücke war so eine. Doch auch dort war das Material nur sehr begrenzt verfügbar. So fuhren alle mit ihren Traktoren und Anhängern nach "Broadnsee". Kaum jemandem ist heute bewusst, dass Sand mit dem Fluss in so enger Beziehung steht. Auch der Breitenseeer Sand ist akkumulierte Lainsitzarbeit. Die Gegend dürfte günstig dafür gewesen sein, dass der Bach das Schwemmgut in der gewünschten Korngröße in rauen Mengen liegen ließ. Nicht nur oberhalb Breitensee, gleich über der Grenze in Böhmen sind von der Straße, die von Nagelberg kommt, ebenfalls riesige Gruben rechts der Lainsitz zu sehen. Aber die Gegend drüben, das wird wieder eine neue Geschichte sein.


*) Otto Opelka, Bilanz und Ausblick des Bürgermeisters [von Gmünd], Jänner 2004:
"Verzögerungen gibt es bei der Brücke in Breitensee. Durch die Entdeckung als „Gridlbrücke“ wird derzeit untersucht, ob die alte Brücke saniert werden kann und vor allem wer eventuelle Mehrkosten gegenüber eines geplanten Neubaues bezahlt."

Interessante Links:

Zum Abenteuer Ganausbrücke der Firma Ig. Gridl: Achtung Notfall, ein kleines Tagebuch der Rettungsaktion.

Zur gelben Teichrose: http://www.gartendatenbank.de/pflanzen/nuphar/a001.htm

Fotos der Hochwasserkatastrophe, August 2002
 


Erstellt am 1. Feb. 2004                          Deckel schließen: Home