Der Fluss in Fluss

Wieder einmal zu Hause, und endlich ist der Winter vorbei! Aber wo ist eigentlich mein altes Zuhause? Dort, wo der Bauernhof meines Vaters stand, zieht jetzt die Bundesstraße aus den 90er Jahren durch, münden die alte Bundesstraße aus den 50ern und zwei Fahrwege in die neue Rennstrecke. Nichts erinnert mehr an das verwinkelte, in Jahrhunderten gewachsene Bauernhaus. Vom Dach bis zum Grundstein wurde alles abgetragen, zerlegt, verschüttet. Kein Anhaltspunkt blieb, die Erinnerung findet keine Stütze. Im vergangenen Winter packte ich eine Schaufel und stieg die Böschung zum ehemaligen Mühlbach hinunter. In einem Traum war ich auf die Idee gekommen, dass der Abrissbagger vielleicht etwas übersehen  haben könnte. Schon beim ersten Stich in den von Gestrüpp überwucherten Boden stieß ich auf behauenen Stein, auf eine Stufe der alten Bachstiege! Ich legte die drei Quader der Stufen frei. Jetzt führt die Stiege vom ehemaligen Mühlbach, der ein Tümpel geworden ist, hinauf in die Mitte der neuen Böschung. Dahinter liegt verborgen das ehemalige Bauernhaus, wer es vermag, durch den Straßendamm hindurch zu steigen, wird dahinter den Garten, die Schuppen, die Hocheinfurt, den Stall und das Wohnhaus finden, wovon an der Oberfläche keine Spur mehr zu sehen ist.

Ich habe vor, dem Bach von hier, von Oberlainsitz aus, bis St. Martin zu folgen, von "der Lainsitz" bis zum "Lorsnich" des Mittelalters, das erst später allmählich zum "Sand Mertten" wurde. Ich bin den zwei Kilometer langen Weg von dem Hoftor, das gegenüber der Bachstiege stand, bis zur Tür der Volksschule St. Martin in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wohl an die Tausend Mal gegangen. Doch am Ufer der Lainsitz entlang werde ich dies heute zum ersten Mal tun. Der Gang wird zur Auseinandersetzung mit der Zeit. Vieles, was ich als Kind an der Lainsitz sah, ist nicht mehr.

Der Mühlbach zum Beispiel scheint nur noch deshalb zu existieren, weil das Zuschütten zu viel Aufwand brächte. Das Wasser steht, der Bach verwächst. Ich kenne ihn blitzblank mit blauen Granitsteinen ausgelegt, mit reinem fließenden Wasser, herrlich hellgrünem Wassergras und voller Forellen und Krebse. Unten, vor dem Milchhaus, bevor dieser künstliche Bach unter die Bundesstraße hindurchführte, verfällt heute das Wehr. Dort konnte der Sagmüller Pölzl Wasser zurück in den Altbach leiten, falls der Zufluss zu stark war. Dort gingen wir mit dem Bach unter der Straße durch, heute ist der Kanal mit Brettern abgeschlossen. Oberhalb des Milchhauses stand der geheimnisumwitterte Hof des Berliner, den mein Vater dazugeerbt hatte. In der "Berliner Hüttn", die leer stand, war das Leben der 30er und 40er-Jahre konserviert worden, Stapel von zerfallenden Zeitungen lagen herum, eine davon trug den Aufmacher "Der Duce befreit!". Wir haben dieses alte Haus nur ehrfürchtig betreten, saßen voll Schauer an dem alten Tisch, stöberten in den alten Kästen und lasen in Büchern aus der Kaiserzeit. Auch dieses Haus war der neuen Zeit im Weg, es musste weichen, als der Güterweg verbreitert wurde. Rechts des Mühlbaches gehörte meiner Großmutter ein kleines Häuschen, das ebenfalls nur mehr in Erinnerungen existiert. Es kam zum Sägewerk, das dringend Stapelplatz benötigte und das Häuschen beseitigte. Zwischen den verschwundenen Häusern die Sägemühle: Dort wo das hölzerne Mühlrad sich bedächtig drehte, ist heute ein toter Schacht. Kein Tropfen Wasser dringt hier mehr durch. Heute wird das Sägewerk mit Elektrizität betrieben, früher hatte einige Jahrzehnte lang das Mühlrad selbst einen Generator angetrieben und den ersten Strom für dieses Dorf erzeugt. Der Bach fließt ohne Arbeit rechts am Sägewerk vorbei und schwenkt in das lange ebene Tal, das ihn nach St. Martin führt.

Irgendwo gibt es die alte Zeit noch

Irgendwo aber springt noch das Wasser auf das moosige, schwarze Rad, dreht es langsam und treibt seine mächtige hölzerne Achse, den Grind. Es gluckst und gurgelt, spritzt und plätschert. Die Maschine ist ein kunstvolles, mächtiges Gebilde aus Holz, langen Riemen und Spuren von Eisen. Eine Übersetzung bringt Schwung in die Anlage, ein Exzenter treibt schließlich das sich hurtig auf und ab sausende Sägegatter an, den Venezianer, auf dem einzig ein eisernes Sägeblatt montiert ist. Der Stamm wird auf einem Bundwagen gleichmäßig gegen die Säge vorgeschoben, die sich langsam durch das Holz arbeitet. Die Späne fallen vom Sägeboden hinunter in das gemauerte Untergeschoss. Überall ist feiner mehliger Staub, alles riecht nach Harz und Holz, die Säge singt hell und rhythmisch das ewig gleiche Lied. Harte Äste im Holz, zu dicke Stämme lassen die Maschine schnaufen, das Wasserrad ächzen. Wenn dagegen der Schnitt schmaler wird, wird ihr die Arbeit leichter und die Säge fiedelt leicht und schnell dahin. Schnell: Das erste, was die Säge den Sägemüller lehrt, ist eiserne Geduld. Jeder Schnitt braucht seine feste Zeit, die durch nichts zu verkürzen ist. Pro Schnitt ein Brett, das ist der Erlös des Wartens. Die Maschine ist ein williges aber stures Tier, dem manchmal gut zugeredet werden muss, damit es weiterläuft.

Die Bauern bringen ihre Bäume, erklären ihre Wünsche, alles wird aufgeschrieben, die Hölzer werden markiert. Schnurgerade Bretter, Pfosten, Latten und Balken unterschiedlichster Dimension schneidet der Pölzl aus den mehr oder weniger gekrümmten Bäumen. Was übrig bleibt sind Schwarten und Späne. Bezahlt wird oft in Bäumen, die der Sägemüller verwertet.

Der Mühlenstandort ist alt. 1499 scheinen im "Amt zu Sand Merttn" drei Mühlen auf. Die Marktmühle, das ist die heutige Seidlsagmühle, die Hofmühle wird vielleicht die in Roßbruck und die Moosmühl, ja die wird die heutige Pölzlmühle sein. Die Mühle steht an einer engen Talstelle. Der Zeilerweg, die Straße links der Lainsitz, zwängte sich einst eng zwischen Mühle und Berlinerhof durch, unweit steht die Brücke über die Lainsitz: Hier war entschieden ein lokaler Brennpunkt.

Gleich nach der Mühle stehen links drei Häuser an den Hang gebaut, ohne Landwirtschaft, Häuselleut wie es hieß, Arbeiter wohnten und wohnen hier, teils hart am Bach. Die Lainsitz verbreitert sich ein wenig und verliert Sand, Geröll und Scherben. Zerbrochene Teller, Häferl, Tonkrüge, Gläser, alles findet man auf dem Grund des Flusses. Alle paar hundert Meter führt ein Steg oder eine leichte Holzbrücke über den Bach. So etwa auf der Höhe, wo der Fischbach in die Lainsitz mündet und es auf der anderen Seite hinauf zum Poiss geht. Palmkätzchen zieren die Weiden. Der Fluss schwingt hin und her, nähert sich langsam wieder dem Bahndamm. Das Tal wird breiter, eine kleine Ebene, die der Bach in Tausenden von Jahren angeschwemmt hat, öffnet sich. Die Wiesen sind feucht, oft steht das Wasser in Pfützen und spiegelt den Himmel wider. Knapp vor St. Martin verlässt der Bach die Bahntrasse, steuert auf die nächste Sagmühle zu. Vorher kommt noch die Brücke beim Fussen-Vogler, wo wir als Kinder die schwarzen Süßwasserperlenmuscheln aus dem Bach holten - auch die gibt es nicht mehr. Das Wehr der Marktmühle ist abgebaut, ihr Mühlbach wurde zugeschüttet, um Lagerplatz für die Rundhölzer zu gewinnen. Was blieb von dem Wehr, ist ein kleiner künstlicher Wassersturz, wo jetzt im Vorfrühling das Wasser kalt und kräftig hinunterschießt. Der Bach zieht vorbei an Bergen von Rundholz, vielleicht ein wenig traurig, da er arbeitslos geworden ist und eigentlich dem Sagler nur noch im Weg ist. Der Standort der vielen Sägen am Wasser ist geblieben, doch hier wie anderswo treiben längst ferne Kraftwerke die Sägegatter an. Die Seidlsäge ist größer, beschäftigt mehrere Arbeiter, dagegen ist die Pölzlsäge ein reiner Familienbetrieb geblieben.

Lainsitz verleugnet Lainsitz

Der Bach bekommt von dem Marktflecken nur die Rückseiten der Häuser zu sehen. Der Ort ist in weiser Voraussicht ein wenig vom Wasser abgesetzt angelegt worden, um Überschwemmungen zu entgehen. Vorbei an Gärten, Wäscheleinen, Spielgeräten und der Rückseite des Wirtshauses Weninger gelangt die Lainsitz zur gemauerten Brücke beim ehemaligen Wandl-Kaufhaus, wo weit vor meiner Zeit die alte Dorfschule gestanden sein soll. Hier bei der ziemlich neuen Sparkasse und dem noch neueren Feuerwehrhaus verlässt sie auch schon wieder den Ort, den sie gar nie wirklich betreten durfte.

Es scheint Probleme in der Beziehung zwischen Ort und Fluss gegeben zu haben. Ursprünglich waren sie ja auf eine gewisse Weise sogar vermählt: Sie trugen den selben Namen! Irgendwann vor weit mehr als einem halben Jahrtausend fanden aber die Bewohner ihre Kirche bedeutender als ihren Fluss, so dass sie den Namen ihres Kirchenpatrons für ihren kleinen Markt übernahmen. Die Kirche des Heiligen Martin wendet sich obendrein selbst vom Fluss ab und muss sich nach hinten drehen, wenn sie nach ihm schauen will. Ob der slawische Flussname, Aubach oder so ähnlich würde er auf Deutsch heißen, schon von einer slawischen Ursiedlung übernommen wurde oder ob der Ort eine germanische Siedlung ist, ist nicht zu entscheiden. Der rechteckige Platz wäre ein leichter Hinweis auf slawische Wurzeln, doch die reine Siedlungsform des Waldhufen-Reihendorfes spricht klar für eine planmäßige Ansiedlung im zwölften Jahrhundert.

Als im Jahr 1986 die Gemeinde wieder zum Markt erhoben wurde, musste sie sich ein neues Wappen geben, da ein mittelalterliches nicht überliefert worden war. Man verwendete den roten Ring der Kuenringer, man kreuzte goldene Ähren mit silbernem Schwert, vielleicht um auf die Besiedlung durch Wehrbauern hinzuweisen, doch die Lainsitz, deren Namen man getragen hat, verleugnete man. Nicht der schmalste blaue Faden weist darauf hin, dass diese Gemeinde an einem Fluss liegt, der ihr ursprünglich den Namen gab.

Ein Lainsitzzentrum für das einstige Lainsitz!

Was zählt der Fluss im eigenen Land? Nichts. Es geht ihm wie dem Propheten. Weit weg, in Brüssel, Wien und St. Pölten findet man so einen Bach, der noch weitgehend unreguliert ist und vielen seltenen Arten Lebensraum bietet, schon interessanter. Einen Fluss, der die Länder Böhmen und Niederösterreich aneinander bindet! Wer sieht schon die Schönheiten vor seiner eigenen Haustür? Irgendwann wird man auf sie aufmerksam werden und sich wundern, dass man sie bisher nicht wahrgenommen hat. Dann wird man das Juwel herausputzen und es stolz der ganzen Welt präsentieren. St. Martin, das alte Lainsitz, wird der ideale Ort für eine Art Lainsitzzentrum sein, das Urlaubern, Geschichts- und Naturinteressierten die Besonderheiten dieses Flusses präsentiert. Ich würde mich freuen, dies noch zu erleben.
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