Der 800 Jahre alte Turm im Howigerhof

Wenn man von Weitra nach St. Martin kommt und die alte Straße benutzt, bemerkt man links bei der Ortseinfahrt einen imposanten Hof. Im Katastralplan unten ist er mit der Nummer 6 eingezeichnet. Es ist ein alter Freihof. Die frühesten Zeugnisse: Im Jahre 1456 belehnte König Ladislaus Posthumus einen Amtmann namens Hans Schuster mit einem Freihof in St. Martin. Es handelte sich dabei um den Bauernhof, auf dem heute die Familie Howiger wohnt und der gleich neben dem Pfarrhof gelegen ist. Eine weitere frühe Urkunde gibt es aus dem Jahr 1463, als Christine Moltterin den Hof ihrer Tochter Barbara vermachte, welche mit einem gewissen Michael Ilsam verheiratet war. 1492 gab Kaiser Friedrich III. den Hof dem Wolfgang Phister (="Bäcker") als Erbe seines Vaters Hans zu Lehen. Im ältesten Weitraer Urbar von 1499 scheint dieser Mann auch als so genannter Beutellehner auf. (*)
Studiert man im Franziszeischen Kataster von 1823 den Grundriss des Freihofes, so macht man eine aufregende Entdeckung: Man sieht einen quadratischen Block aus festem Mauerwerk, der auf drei Seiten von einem hufeisenförmigen Gebäude umschlossen wird. Der Grundriss des quadratischen Hauses im Zentrum geht auf einen Wehrturm aus dem 11./12. Jhdt. zurück, der einst an dieser Stelle gestanden hat. Im Howigerhof ist also noch das Fundament  eines 800 Jahre alten Turmes erhalten!



St. Martin 1823


St. Martin 1974
In der Katastermappe von 1823 sind Bauteile aus Stein rosa, solche aus Holz gelb eingezeichnet. In den 150 Jahren, die zwischen der Bildern liegen, sind nur wenige gravierende Veränderungen vorgenommen worden: Die Brücke über die Lainsitz ist 1823 noch als Holzbrücke verzeichnet. Sparkasse und Feuerwehrhaus westlich der Kirche, Bahngeleise und einige andere Objekte existieren nicht. Dafür ist mitten auf dem Ortsplatz noch das Gemeindehaus eingezeichnet, die Schule links vor der Brücke hinüber zur Zeil. Im Friedhofsbereich scheint ein heute nicht mehr vorhandenes Gebäude unter der Nummer 9 auf.

Aus dem Bauparzellenprotokoll 1823: 6 Holzweber Anton (Bauer), 7 Pfarrhof, 8 u. 9 Gemeinde, 10 Schulhaus, 11 Anderl Martin (Häusler), 12 Wandl Martin (Häusler), 13 Gemeinde, 14 Schwingenschlögl Georg (1/4 Lehner), 15 Gruber Andrä (1/4 Lehner), 16 Breinhölder Martin (Häusler), 17 u.18 Wielander (3/4 Lehner), 19 Winter Josef (1/2 Lehner), 20 Müller Georg (1/4 Lehner), 21 Stumptner Johann (3/4 Lehner), 22 Müllner Filipp (3/4 Lehner), 23 u. 24 Schwingenschlögl Georg (Häusler), 25 Müllner Filipp (3/4 Lehner).

Blick von Nordwesten auf St. Martin. Das hellblaue Haus im Bild links von der Kirche ist der ehemalige Freihof.
 

Der "Howiger-Hof" ist der einzige Freihof in Lainsitz/St. Martin. Er liegt typischerweise am Ende des Dorfes (am Ort, wie es heißt) und ist mit vergleichsweise großem Grundbesitz ausgestattet. Hier ließ sich einst der Anführer des Siedlerzuges, der Lokator, nieder und errichtete zum Schutz der von ihm angeführten Bauern einen aus Stein gefertigten Wehrturm. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass es im Lainsitztal keine Burgen gibt? Das liegt daran, dass zur Sicherung unseres Gebietes nach der Besiedlung Ende des 11. bzw. Anfang des 12. Jahrhunderts ein neues Sicherungssystem zur Anwendung kam: Man bildete so genannte Wehrringe. Im Mittelpunkt eines solchen Ringes befand sich eine Burg (bei uns die Kuenringerburg Weitra, an der Stelle, an der sich heute das Schloss befindet), darum herum wieder Marktorte mit Kirche, in den Dörfern wehrfähige Bauern rund um einen Freihof, der meist durch einen Wehrturm gesichert war.

Was ist ein Freihof? Im mittelalterlichen Feudalsystem erhielten die Bauern den Grund von ihrem Herrn zu Lehen und mussten dafür Abgaben und Dienste leisten. Dieses Untertänigkeitsverhältnis war, mit einigen Anpassungen, bis zur Bauernbefreiung 1848 gültig. Der Besitzer des Freihofes war, wie der Name schon sagt, von diesen Abgaben befreit, musste dafür aber Verwaltungs- und Verteidigungsaufgaben übernehmen. Er war zuständig für die niedere Gerichtsbarkeit im Marktgebiet und musste im Kriegsfall als Ritter seinem Herren Kriegsdienst leisten.

Eine außerordentliche Besonderheit St. Martins ist der rechteckige Platz. Dieser, und der aus dem Alttschechischen übernommene Name "Lainsitz", könnten auf eine ursprünglich vorhandene slawische Ursiedlung hinweisen. Der Name St Martin bürgerte sich nämlich erst im 14. Jahrhundert für den Bereich rund um die Kirche ein.

Im Urbar von 1735 steht über den Freihof:
Anton Paumgartner hat einen Freyhoff, zuvor Johann Stumptner gehabt, dient

Martin Bauer dann die Witwe verehelicht mit
Anton Holzweber
Johann Bauer, dann die Witwe verehelicht mit
Franz Kaliwoda
Christian Bauer
Engelbert Howiger
Engelbert Howiger
zu Georgi von Hoff
Michaeli
Von einem Überlandt
Georgi
Mohn ? von demselben
zu Michaeli
Von einem anderen Überlandt Georgi
Michaeli
Robathgeldt
Biergeldt
Steuer
Fuhrgeldt
-"-"-"-
-"-"-"-

-"-"14Kr"-

 

*) Walter Pongratz: Die Besitzer der Freihöfe und Beutellehen im Lainsitztal im Spätmittelalter. In: Das Waldviertel 10/1979, S. 228.

Onlinekarte von St. Martin

Quellen:
1) Heimatkunde des Bezirkes Gmünd. Begründet von Rupert Hauer, neu bearbeitet und ergänzt von einer Arbeitsgemeinschaft unter Walter Pongratz und Paula Tomaschek (Gmünd 1986).

2)