Auflösung hoch gering










Dornröschen schläft an der Lainsitz!

Jahrelang kam ich durch Alt Weitra, nach Gmünd fahrend oder von dort kommend. Der Bahnübergang, bei dem man unvorstellbar langsame 15km/h fahren soll, bestimmte in dominierender Weise mein Bild von diesem Ort. An zweiter Stelle kam die kleine Tankstelle, an der man immer freundlich bedient wurde und noch immer wird. Einige Jahre lang war es das Gasthaus mit der einzigen Diskothek in der Gegend, was Alt Weitra für mich ausmachte. Ganz im Hintergrund meiner Aufmerksamkeit war aber immer noch etwas gewesen, nur am Rande Wahrgenommenes, wie ein grauer unbestimmter Fleck, der zum Eindruck von diesem Dorf gehörte. War es die Scheune, die zwischen Tankstelle und Bahnübergang steht? Der dunkle Bahnhof? War da noch etwas anderes?

Da steht eine romanische Kirche hinter dem Gasthof, aus sorgfältig und präzise behauenen Granitquadern gesetzt, viel zu groß für dieses Dorf, viel zu aufwendig in der Anlage, viel zu aufwendig in der Ausführung! Da steht die älteste und schönste Kirche unserer Gegend, unbeachtet, von einer Mauer umgeben und verborgen. Kein Hinweisschild an der Straße, keine Busse voll Touristen, keine Souvenirbuden, nichts, was auf dieses einzigartige Bauwerk hinweisen würde! Einmal im Jahr nur findet hier zu Peter und Paul, den Kirchenpatronen, eine Messe statt. Will man die Kirche besichtigen, muss man sich den Schlüssel zu diesem Juwel auf einem Hof, der gegenüber dem Kirchentor liegt, aushändigen lassen.

Um 1180 herum dürfte Hadmar II veranlasst haben, an der Stelle eines Holzbaues diese schöne Kirche in Alt Weitra "prächtig und fest" aus Stein zu errichten, nachdem kurz davor Böhmen bis Zwettl eingedrungen waren und die Gegend verwüstet hatten. Es waren Fachleute, die der Kuenringer erstmals dafür an die Lainsitz holte, Steinmetzen, die vorher vielleicht am Zwettler Stiftsbau mitgearbeitet hatten. Noch heute wirken die Steinblöcke aus feinem Granit wie frisch behauen, selbst die Platten des Kirchenbodens sind noch vollkommen plan und sehen aus wie neu.

Die romanische Anlage ist bis hinauf zu den Schießscharten des Wehrgeschosses im Original erhalten. Sie besteht aus einem Langhaus und einem Chorquadrat im Osten, an das eine halbrunde Apsis anschließt. Das Dach und der westliche Aufbau mit den Glocken sind natürlich neueren Datums. Das Bauwerk diente als Gotteshaus, aber auch als erste steinerne Burg an der Lainsitz, dort, wo ein alter, wichtiger Weg aus dem damals jungen Herzogtum Österreich hinüber nach Böhmen unseren Fluss überqueren musste.

Warum hat Hadmar dieses kostspielige Haus errichten lassen, um dann nur wenige Jahre später den Ort Weitra hinauf an die Stelle zu verlegen, wo wir ihn heute finden? Warum hat er nur wenige Jahre später im Norden der neuen Stadt noch einmal  eine beinahe identische Kirche errichten lassen, die als Kern der heutigen Weitraer Stadtpfarrkirche bestehen blieb? Es muss eine akute, einschneidende Erfahrung gewesen sein, die ihn zu diesem schweren Schritt veranlasste. Die sicherere Lage des neuen Standortes dürfte ausschlaggebend gewesen sein.

So kommt es, dass in einem kleinen Ort im Waldviertel mit nur wenigen Bauernhöfen und einem Gasthaus heute eine prachtvolle Kirche steht, die selbst mittleren Städtchen Ehre machen würde. Entstanden noch vor der Zeit eines Walther von der Vogelweide. Entstanden noch vor dem Nibelungenlied. Irgendwann in der Zeit zwischen zweitem und drittem Kreuzzug. Da war Richard Löwenherz noch zu Hause in England. Da war Friedrich Barbarossa König des Deutschen Reiches. Da waren die Habsburger noch unbekannt in Österreich. Da war in Pisa eben erst der schiefe Turm fertiggestellt worden. Da formuliert gerade Chrestien de Troyes in seinem Perceval das überhöhte Ideal des ritterlichen und höfischen Lebens. Umberto Ecos "Der Name der Rose" spielt hundertfünfzig Jahre später!

So alt ist diese Kirche! Sie schlummert abseits von jeder Aufmerksamkeit ihren Dornröschenschlaf, weil alle Welt zum unmittelbar anliegenden Wallfahrtsort Unser Frau pilgern will. Darum hat man vergessen, sie mit gotischen, barocken oder anderen jeweils modernen Zubauten zu erweitern, darum ist sie uns in ihrer Gestalt noch so erhalten, wie sie war, vor mehr als 800 Jahren. Sie ist in vollendeter Form aus dauerhaftem Stein gebaut, der glatte Granit lässt sie jung und frisch erscheinen und gibt uns die Illusion, dass die Zeit für diese schlafende Schönheit eine Ausnahme machen und still stehen konnte.

Die Kirche war Burg, geistliches und soziales Zentrum zugleich. Von hier aus wurde das Lainsitztal besiedelt, gerodet und urbar gemacht. In ihr finden wir in gewissem Sinn die Wiege des Lainsitztales. Man sollte ihr ein wenig mehr Achtung entgegenbringen. Man könnte stolz sein, so ein einzigartiges Juwel zu besitzen. Man sollte sie kennen, wenn man hier wohnt. Man sollte sie gesehen haben, wenn man hier Urlaub gemacht hat. Man sollte aber ihren Schlaf nicht stören, damit sie noch viele weitere Jahrhunderte hier an der Lainsitz ruhend ihre Schönheit bewahren kann.
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